Ich bin eben knappe eine Stunde lang mit der Google Earth-Applikation auf dem iPad und den Finger nach Süden gefahren.
Wenn über Google Map/Google Earth/Streetview geredet wird, interessiert mich nicht “Panoramafreiheit” oder “Privatsphäre”. Genauso wie ich früher als Kind mit dem Finger die Straßenkarten abgefahren bin (die guten alten 1:200.000er-Karten von Michelin) oder auf Kurzwelle ferne Radiostationen gehört habe, genauso fahre ich nun mit Google Earth Strecken ab. Ich sehe aus der Vogelperspektive wie die A5 sich durch Rhön und Spessart biegt und erinnere mich an Fahrten in einem schnellen Audi. Ich fahre von der A7 ab, mache einen Abstecher in Iphofen und entdecke das Restaurant in dem ich bis heute mein bestes Abendessen hatte. Ich fahre die endlose B8 nach Nürnberg, wie einst zur Spielwarenmesse.
Ich nehme die A9, lasse Beilngries links liegen, wo ich vor einem Jahr für einen Kundenauftrag ein Fotoshooting produzieren musste. Weiter gen Moloch München, den Flughafen auf der linken Seite, in die Innenstadt rein. Nach Herumkurven den Hauptbahnhof gefunden und die BOB (Bayrische Oberlandbahn)-Strecke versucht abzufahren, erwische die korrekte Abfahrt aus der Stammstrecke, finde auch die so typischen langen Geraden um aus München rauszukommen, aber verfahre mich hinter der Isar zweimal. Rausgezoomt, den Tegernsee gefunden, den Aufsichtswinkel von Google Earth mit zwei Fingern ganz flach gemacht. Ich nehme diesen letzten, engen Bogen der BOB nach Gmund, direkt an das Ufer des Tegernsees und fange an zu frieren – so lebhaft sind die Erinnerungen an die Winterlandschaft an die wartenden Teenies die am Samstagvormittag nach München rein wollten. Am Horizont steigen die Berge steil hoch. Ich fahre das Ufer des Tegernsee entlang, kurve um die Google Earth-Gebirgszüge entlang und stehe dann vor dem Wallberg, der so groß und steil aufragt, dass ich ihn nicht mehr komplett sehe. Aber ich dank der wie mit dem Lineal durch den Wald gezogenen Schneise finde ich die Seilbahn. Und ich sehe zum ersten Mal die Wallbergstraße die ich runter gerodelt bin “in 3D”, ich sehe das Gefälle, die Steilheit, die schiere Länge der Strecke.
Ich bin in Google Streetview die Straßenzüge vor dem Appartement auf und abgewandert, ich habe in den USA mir kleine Studentendörfer und College Stadien angesehen. Ich habe mich mitten in einer Tokyoter Vorstadt absetzen lassen, um ein Gefühl für die Gegenden zu bekommen.