Nächster Halt: Poshe Bleichen

Nach nur zirka sieben Monaten heißt es Ende Januar schon wieder Abschied vom Büro in der Steinstraße zu nehmen. Die Büroverwaltung hat eine Kündigung vom Hausbesitzer bekommen, der das Gebäude an ein Hotelunternehmen verkauft hat. Fünf Monate lang konnte ich mir das Treiben der Baustelle “Hotel Henri” im Hinterhof angucken, bevor ich selber wegen eines Hotels rausfliege.

Buro steinstrasse henri

Schade, denn die Altstadt mit dem Kontorhausviertel ist mir wegen der Architektur ans Herz gewachsen. Chilehaus, Sprinkenhof, Mohlenhof. Riesige Klinkerbauten aus den Zwanziger und Dreißiger Jahre mit großen Innenhöfen.

Buro steinstrasse buro

Buro steinstrasse eingang

Im Juni bin ich dort in mein eigenes Zimmer eingezogen, nach etlichen Jahren Bürogemeinschaft. Das was ich wollte, ist teilweise aufgegangen. Mehr Ruhe. Mehr Freiheit den Raum nach meiner Schnauze zu gestalten. Endlich wieder eine große Tischfläche zum Ausbreiten. Eigene Whiteboards. Musik mal mit, mal ohne Kopfhörer.

Auf dem Stockwerk gab es Gemeinschaftstoiletten und eine Gemeinschaftsküche. Neben den beiden Indern von schräg gegenüber, die immer in die Toiletten gingen um Wasser für den Tee zu holen, sah ich auch öfters einen jungen Herrn mit zackigen Schritt, der, wenn er in sein Büro zurückging, hinter sich immer die Tür abschloß. Und schließlich der kahlköpfige Psychologe für Traumapatienten, mit dem man auch über Medienrezeption der jungen Generationen sprechen konnte.

Die Steinstraße war ein exzellenter Standort. Vom Verkehr habe ich nicht viel mitbekommen. Das Büro ging nach hinten raus und im Innenhof war es so leise, dass man freitags um 18 Uhr sogar den Einlauf des FC St. Pauli vom Millerntor rüber hören konnte, statt die Rush Hour oder den Trubel an der Mönckebergstraße. Steinstraße, hat mir Spaß gemacht.

Mit der Kündigung des Büros ist meine Zeit des Einzelbüros aber nicht zu Ende. Ich werde Ende Januar in neue Büroräumlichkeiten (des gleichen Büroverwalters) umziehen. Es bleibt in der Innenstadt, aber von der Altstadt geht es in die Neustadt. Es wird eine ganze Ecke posher und vom Klinkerflair des Kontorhausviertels nicht mehr viel zu sehen sein. Es geht in die Große Bleichen. Große Bleichen 21, in die Galleria (der in schwarz/weiß gehaltenen Einkaufspassage), Aufzug in die dritte Etage.

Kommt man vom Rathausmarkt, kann man an der Alten Post vorbeigehen, riskiert aber dabei nachhaltig von der Duftwolke von Abercrombie & Fitch verstört zu werden. So posh die Gegend ist, kommt mich die Miete kurioserweise auch etwas günstiger. Aber den Umzug hätte ich, so vom Aufwand und Nachsendeantrag beantragen und o2/Telefonica Bescheid sagen nun wirklich nicht gebraucht.

Mehr mit weniger iPhone

Iphone do not disturb

Das iOS6-Feature welches ich am meisten verwende, ist die neue “Do not disturb“-Funktion. Ich habe sie quasi in Permanenz laufen. Wird sie eingeschaltet, blockt sie alle Anrufer ab, lässt nur die Anrufer durch, die auf der Favoritenliste stehen oder dringende Anrufe von Personen die innerhalb von drei Minuten zweimal anrufen.

Wenn keine Telefonate mit mir vereinart worden sind, wird das iPhone im “Do not disturb”-Zustand bei mir im Büro irgendwo in die Ecke gelegt und ich schau 2-3x am Tag drauf, ob jemand versucht hat anzurufen.

Es nervt wenn man im Büro den Jongleur mit 2-3 laufenden Projekten gibt und jemand per Telefonat dann noch seinen Senf zu einem vierten Projekt geben muss.

Es nervt zu wissen, dass man im Timing hinten liegt und im Hinterkopf hat, dass der Kunde jeden Augenblick anrufen und nachfragen könnte.

Das Medium Telefon nervt, mit dem Druck auf alles sofort eine Antwort oder Zusage geben zu müssen.

“Do not disturb” ist mein Telefonfilter und nimmt mir diesen Druck sofort für bzw. auf ein Projekt reagieren zu müssen. Ein großartiger kleiner Helfer um den Tag zu entschleunigen und besser selbstbestimmt arbeiten zu können.

Alles bleibt anders

Ich bin jetzt dreizehn Jahre selbständig und trotzdem scheint jedes Jahr weiterhin seine eigene Dynamik zu kennen. Vielleicht werde ich alt, aber die letzten 10-11 Monate waren nicht nur sehr anders, sondern auch sehr ermüdend.

Im letzten Sommer arbeitete ich zusätzlich für vier Monate bei einem Hamburger IT-Unternehmen fünfmal die Woche in einem nine-to-five-Job (besser: ten-to-five). Sehr interessante Monate, weil ich zum ersten Mal seit meiner Angestelltenzeit 1996, über einen längeren Zeitraum Tag für Tag in einem größeren Team arbeitete und dort neue Workflows kennenlernte, u.a. sehr streng durchgeführtes Scrum zum Projektmanagement.

Das kam on-the-top zu meiner normalen Tätigkeit als Selbständiger und mit allesaussersport dazu. 60 bis 80 Stunden-Wochen, inkl. Aufstehen um kurz vor Sechs und Arbeiten an Wochenenden waren die Regel.

Der Oktober war etwas zum Verschnaufen da, aber vom November bis Februar ging es weiter. Ein Projekt das ursprünglich bis Mitte Dezember gehen sollte, aber in der ersten Hälfte plötzlich mit soviel mehr Funktionalität aufgeladen wurde, dass die Deadline auf Anfang Februar gelegt wurde. Man versetze sich in meiner Lage: ich wankte durchaus erschöpft gen Jahresende doch statt endlich einige laue Monate in Aussicht zu bekommen, hatte ich plötzlich ein Projekt an den Hacken, dass ich nicht los wurde – und dessen Workflow aus technischen Gründen (Remote Server, proprietärer Tunnel-Client) enervierend waren. Aus Anfang Februar wurde wegen weiterer Features der letzte Februar-Tag. Auf der letzten Rille wurde das Projekt fertiggestellt.

Der Dezember, Januar und Februar waren für mich schlimme Monate. Der Akku war komplett leer. An den Wochenenden war ich antriebslos. Und an den Wochentagen stellte ich mir immer wieder die Sinnfrage. Einer der Projektleiter fragte mich später für ein anderes Projekt an: “Wir haben da nochwas in der Pipeline. Möchtest du HTML runterschrubben?

Ich weiß wie er es gemeint hatte, aber die Formulierung “HTML runterschrubben” war ein guter Ausdrucks des Dilemmas das ich seit Dezember fühlte.

Im Akkord arbeiten. Keine nachhaltigen Lösungen. Kein Nachdenken, kein Herumexperimentieren, kein Ausprobieren.

Und dies zu einem Zeitpunkt, an dem der HTML/CSS/Javascript-Bereich (vulgo: Frontend) einschneidende Änderungen erlebt und komplett im Fluss ist. An dem alle in der Frontend-Branche verzweifelt nach optimalen Workflows und Best Practice suchen.

Irgendwas passte nicht zwischen dem was ich wollte und brauchte, dem was mir für die Zukunft wichtig war und dem was ich als Aufträge bekam. Der Herunterschrubber-Dienstleister-Weg schien mir in die Sackgasse zu führen.

Im Dezember traf ich die Entscheidung 2012 aus der aktuellen Bürogemeinschaft auszuziehen und stattdessen in eigene Räumlichkeiten zu gehen. Außerdem versuche ich den Kunden nur noch drei Tage die Woche anzubieten.

Ich war jetzt 13 Jahre in Bürogemeinschaften. Zumindest in den letzten ca. sieben Jahre hat sich das so hoch gehaltene Wort “Synergieeffekte” sehr in Grenzen gehalten. Ich will nun in die andere Richtung gehen und mich in meinen Büro abschotten können, mehr in Richtung Labor, Ruhe und Konzentration gehen. Ich will ganz bewusst in meinen eigenen Saft schmoren.

In den nächsten sechs Wochen werde ich ausziehen. In den nächsten 10 Tagen werde ich mich für ein Büro entscheiden. Und danach hoffen ich auf mehr Ruhe. Im Leben und in der Arbeit.