“The Fear Index” von Robert Harris

Ich bin bis dato meiner Umwelt nicht als Krimi-Leser aufgefallen, aber angefixt durch diverse TV-Krimis (Stichwort: Rolf Lassgård als Kurt Wallander) und den aufregenden Trailer “The Girl with the Dragon Tatoo” hatte ich mir dann doch tatsächlich im November das Buch zu “The Girl with the Dragon Tatoo” geholt. Und mit gemischten Gefühlen durchgelesen. Löcher im Plot durch die komplette ICEs durchfahren könnten und Plumpheiten für die man normalerweise wochenlang im Feuilleton an die Wand genagelt wird. Aber trotzdem blieben bestimmte Bilder und bestimmte Erinnerungen zurück. Jedesmal wenn ich an Schneelandschaften in Schweden denke, versetzt es mir einen Stich ins Herz.

Nach einer sehr positiven Rezension in Felix Salmons Reuters-Blog, habe ich mit “The Fear Index” von Robert Harris gekauft. Robert Harris of “Fatherland”-Fame. Damit mein zweiter Versuch im Krimi-Genre. Ich hatte durch die Rezension hohe Erwartungen an die Schilderungen aus dem Börsenbusiness.

Doch ich wurde enttäuscht. Ein banaler Krimi. Vier oder Fünf auf einer Skala von Eins bis Zehn.

Dr. Alexander Hoffman ist ein US-Wissenschaftler, der mit einem Kompagnon in Genf einen Hedge Fund führt. Der Hedge Fund setzt dabei einen von Hoffman entwickelten, auf Künstliche Intelligenz basierenden Algorithmus ein, der sich permanent selber weiterentwickelt.

Eines Tages bekommt Hoffman anonym eine wertvolle alte Ausgabe von Charles Darwins The Expression of the Emotions in Man and Animals zugeschickt. Einige Tage später wird in Hoffmans Villa eingebrochen. Hoffman wird durch die Geräusche wach, stellt den Täter, bekommt aber mit einem Feuerlöscher einen über den Schädel gezogen und ist knapp eine Viertelstunde bewusstlos.

Der Einbruch stellt die Polizei vor einem Rätsel: die Villa ist derart perfekt gegen Einbrecher gesichert, dass es nicht möglich ist, ohne den Code der Alarmanlage einzubrechen. Es muss also ein “Insider-Job” gewesen sein.

Hoffman stellt zudem am nächsten Tag fest, dass das Darwin-Buch per eMail in Amsterdam bestellt wurde. Von seinem eigenen eMail-Account und von einem geheimen Bankkonto von ihm bezahlt.

Sehr viel mehr kann man ohne Spoiler nicht erzählen. Das Buch geht aber straight zu einem Ende hin, von dem sich die meisten Eckpunkte vorher leicht erraten lassen.

Der Krimi ist sehr kühl herunter geschrieben und liest sich teilweise so, als hätte Harris vorher fünf Gegenstände ausgelost und versucht sie nun in einen Krimi unterzubringen. Die englische Kritik lobt am Buch zahlreiche Anspielungen, aber diese Charade gibt dem Krimi selber keinerlei zusätzliche Dimension.

Von Schilderungen des Börsenbusiness’ ist leider nicht viel zu merken, abseits einer Erklärung der Tätigkeiten eines Hedge Funds und der Anknüpfung der Ereignisse an den reelen “Flash Crash” von 2010.

Die Charaktere bleiben platt. Es bleibt vom Buch – anders als bei “The Girl with the Dragon Tattoo” – nichts hängen. Jeder Economist liest sich spannender.

Unbefriedigende Befriedigung – Das Buch “Ordering Disorder”

Meine Auftragslage bringt es mit sich, dass der Dezember, Januar und vielleicht auch noch der Februar vor allem eine Zeit des Studiums wird. Endlich all die Entwicklungen der letzten Jahre in HTML, CSS und Javascript in aller Ruhe studieren und mit einem soliden Fundament ausstatten statt der bloßen Aufnahme von Infobröckchen. Entsprechend sind und werden meine Ausgaben an Büchern und eBooks in die Höhe schnellen.

Das erste Buch in diesem Reigen ist das frisch erschienene Buch von Khoi Vinh (subtraction.com) “Ordering Disorder” über Grid Layouts im Webdesign.

Khoi Vinh ist Designer. Bis 2006 war er vier Jahre lang bei Behavior, einem der bekannteren Design-Studios, und danach, bis zu diesem Sommer, Design Director bei nytimes.com. In dieser Zeit ist er einer der am meisten beachteten Bloger zum Thema (Web) Design geworden. Seine Königsdisziplin sind seit einigen Jahren “Grid Layouts” – ein Thema dass er bei Web Designern popularisiert hat (Grid Computing… and Design, Dezember 2004; Oh Yeeaahh!, März 2007; Grids are good, PDF 8MB März 2007; Really Basic Maths, November 2009 )

Grid Layouts sind kein neues Designthema – im Laufe der letzten Jahrzehnte haben ausgehend von Bauhaus und der sog. “Schweizer Typografie” immer mehr Disziplinen die Prinzipien einer strengen geometrischen Gestaltung übernommen. Zum Beispiel Zeitungen, deren Layouts entlang von Gittern und Raster aufgebaut sind.

Dass das Webdesign sich erst seit 3-4 Jahren dieses Themas annimmt, lag an den stumpfen Waffen. Die Gestaltungsmöglichkeiten des Webdesigns, unter Berücksichtigung auch älterer Browser, gab nicht viel her. Erst durch den Wegfall von Altlasten wie IE5, IE5.5 und IE6, lassen sich die Basics von Layoutraster ohne größere Klimmzüge berücksichtigen. Und damit wuchs auch das Interesse an dem Thema.

Die logische Konsequenz ist nun die Veröffentlichung eines Buches zum Thema. “Ordering Disorder” (siehe auch grids.subtraction.com)

Das Buch hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Zuerst das Positive. Mit dem Buch hat Khoi Vinh seine diversen Blogeinträge und Vorträge in konzentrierter Form zu Papier gebracht und damit einen Pflock in den Boden gesetzt – jetzt ham wa erst mal ein Standardwerk zum Thema und nun können andere kommen und versuchen über die Latte zu springen.

Khoi Vinh schreibt sich konzentriert am Thema ab und ich habe mich 180 Seiten lang, respektive ca. 8 Stunden, mit diesem Thema auseinandergesetzt. Eine derart intensive Beschäftigung mit einem Thema ist wohltuend und es gab auch immer wieder kleinere “Aha”-Momente.

Trotzdem bleibt am Ende ein unbefriedigendes Gefühl, das eine Amazon-Kundenrezension am besten auf den Punkt gebracht hat, als er/sie schrieb, das das Buch sich wie ein überlanger Blogeintrag liest. In der Tat hatte ich das Gefühl, dass da jemand mächtig sein bereits vorhandenes Material gemolken hat und dem nichts essentiell Neues hinzuzufügen hatte – was knapp drei Jahre nach dem er seine offensichtliche Vorlage “Grids are good” veröffentlicht hat, dünn ist.

Das erste Drittel des großzügig (vulgo: “luftig”) gestalteten Buches macht die generische Einführung in das Thema aus. Das zweite Drittel beschäftigt sich mit der konkreten Anwendung der Prinzipien des Grid Layouts anhand eines imaginären Design-Portals.

Dieses zweite Drittel blieb zwar für mich nicht ohne Erkenntnisgewinn, aber gleichzeitig kam immer wieder Ärger hoch, dass Khoi nicht von seinem konkreten Beispiel abwich, um andere Problemstellungen und Lösungen aufzuzeigen. Das Thema “Liquid Layouts” und “Responsive Web Design” auf nur vier Seiten abzuhandeln, grenzt an Unverschämtheit.

Ein anderes Beispiel. Seine Überlegungen zum konkreten Aussehen des Layoutrasters gehen von zwei Punkten aus: eine Art kleinster gemeinsamer Nenner bei der Browser-Breite (Layoutbreite) und der Umstand das ein Werbebanner einer bestimmten Größe zu integrieren ist. Alle Überlegungen zur Bemaßung des Layouts sowie der Anordnung der Layoutmodule gehen von dem Werbebanner als zentralen Punkt aus.

Bei zirka neunzig Prozent meiner Webdesign-Jobs spielen dummerweise Werbebanner überhaupt keine Rolle. Vinh diskutiert aber keine weiteren Faktoren die als “Anker” für ein Layoutraster dienen können.

Vinh geht auch nicht auf die Alternativen zu seiner Ableitung bzgl. der Layoutbreite im Browser ein – es würde zum Beispiel interessieren, ob und welche gründe es gäbe, von seinem Vorschlag von 960 Pixel abzuweichen. Seit Veröffentlichung von “Grids are good” 2007 ist die Diskussion um pro oder contra 1024er-Breite als “kleinster gemeinsamer Nenner” längst eingesetzt und auch da spielen Überlegungen hinsichtlich “Responsive Web Designs” eine Rolle. Doch ein Diskurs findet im Buch nicht statt. Vinh bleibt eng an seiner 2007er-Vorlage.

Mein Grummeln über das Buch ist also nicht zu überlesen. Er arbeitet zu linear sein Tutorial ab und vergisst dabei alles, was sich links und rechts vom sehr schmalen Pfad befindet. Das macht das Buch thematisch sehr viel kleiner als es der Materie gut tut.

Knapp 20 US$ sind deswegen ein recht happiger Preis. Wenn man aber im Hirn den Schalter umlegt, und den Preis als Entlohnung für die gesamten Arbeiten von Vinh in Blogs u.ä. ansieht, dann passt es schon.

Urteil: wer einen Startpunkt oder eine Zusammenfassung zum Thema Grid Layouts sucht und 20 US$ verschmerzen kann, darf zugreifen. Wer beim Lesen darauf wartet, das Vinh irgendwann noch die zweite Stufe zündet, wird enttäuscht.

Zusammenfassung: das Buch ist eine Zusammenfassung und ein Startpunkt zum Thema Grid Layouts. Wer aber auf darauf wartet dass die zweite Stufe zündet, wird vom Buch enttäuscht.