Unbefriedigende Befriedigung – Das Buch “Ordering Disorder”

Meine Auftragslage bringt es mit sich, dass der Dezember, Januar und vielleicht auch noch der Februar vor allem eine Zeit des Studiums wird. Endlich all die Entwicklungen der letzten Jahre in HTML, CSS und Javascript in aller Ruhe studieren und mit einem soliden Fundament ausstatten statt der bloßen Aufnahme von Infobröckchen. Entsprechend sind und werden meine Ausgaben an Büchern und eBooks in die Höhe schnellen.

Das erste Buch in diesem Reigen ist das frisch erschienene Buch von Khoi Vinh (subtraction.com) “Ordering Disorder” über Grid Layouts im Webdesign.

Khoi Vinh ist Designer. Bis 2006 war er vier Jahre lang bei Behavior, einem der bekannteren Design-Studios, und danach, bis zu diesem Sommer, Design Director bei nytimes.com. In dieser Zeit ist er einer der am meisten beachteten Bloger zum Thema (Web) Design geworden. Seine Königsdisziplin sind seit einigen Jahren “Grid Layouts” – ein Thema dass er bei Web Designern popularisiert hat (Grid Computing… and Design, Dezember 2004; Oh Yeeaahh!, März 2007; Grids are good, PDF 8MB März 2007; Really Basic Maths, November 2009 )

Grid Layouts sind kein neues Designthema – im Laufe der letzten Jahrzehnte haben ausgehend von Bauhaus und der sog. “Schweizer Typografie” immer mehr Disziplinen die Prinzipien einer strengen geometrischen Gestaltung übernommen. Zum Beispiel Zeitungen, deren Layouts entlang von Gittern und Raster aufgebaut sind.

Dass das Webdesign sich erst seit 3-4 Jahren dieses Themas annimmt, lag an den stumpfen Waffen. Die Gestaltungsmöglichkeiten des Webdesigns, unter Berücksichtigung auch älterer Browser, gab nicht viel her. Erst durch den Wegfall von Altlasten wie IE5, IE5.5 und IE6, lassen sich die Basics von Layoutraster ohne größere Klimmzüge berücksichtigen. Und damit wuchs auch das Interesse an dem Thema.

Die logische Konsequenz ist nun die Veröffentlichung eines Buches zum Thema. “Ordering Disorder” (siehe auch grids.subtraction.com)

Das Buch hinterlässt bei mir gemischte Gefühle. Zuerst das Positive. Mit dem Buch hat Khoi Vinh seine diversen Blogeinträge und Vorträge in konzentrierter Form zu Papier gebracht und damit einen Pflock in den Boden gesetzt – jetzt ham wa erst mal ein Standardwerk zum Thema und nun können andere kommen und versuchen über die Latte zu springen.

Khoi Vinh schreibt sich konzentriert am Thema ab und ich habe mich 180 Seiten lang, respektive ca. 8 Stunden, mit diesem Thema auseinandergesetzt. Eine derart intensive Beschäftigung mit einem Thema ist wohltuend und es gab auch immer wieder kleinere “Aha”-Momente.

Trotzdem bleibt am Ende ein unbefriedigendes Gefühl, das eine Amazon-Kundenrezension am besten auf den Punkt gebracht hat, als er/sie schrieb, das das Buch sich wie ein überlanger Blogeintrag liest. In der Tat hatte ich das Gefühl, dass da jemand mächtig sein bereits vorhandenes Material gemolken hat und dem nichts essentiell Neues hinzuzufügen hatte – was knapp drei Jahre nach dem er seine offensichtliche Vorlage “Grids are good” veröffentlicht hat, dünn ist.

Das erste Drittel des großzügig (vulgo: “luftig”) gestalteten Buches macht die generische Einführung in das Thema aus. Das zweite Drittel beschäftigt sich mit der konkreten Anwendung der Prinzipien des Grid Layouts anhand eines imaginären Design-Portals.

Dieses zweite Drittel blieb zwar für mich nicht ohne Erkenntnisgewinn, aber gleichzeitig kam immer wieder Ärger hoch, dass Khoi nicht von seinem konkreten Beispiel abwich, um andere Problemstellungen und Lösungen aufzuzeigen. Das Thema “Liquid Layouts” und “Responsive Web Design” auf nur vier Seiten abzuhandeln, grenzt an Unverschämtheit.

Ein anderes Beispiel. Seine Überlegungen zum konkreten Aussehen des Layoutrasters gehen von zwei Punkten aus: eine Art kleinster gemeinsamer Nenner bei der Browser-Breite (Layoutbreite) und der Umstand das ein Werbebanner einer bestimmten Größe zu integrieren ist. Alle Überlegungen zur Bemaßung des Layouts sowie der Anordnung der Layoutmodule gehen von dem Werbebanner als zentralen Punkt aus.

Bei zirka neunzig Prozent meiner Webdesign-Jobs spielen dummerweise Werbebanner überhaupt keine Rolle. Vinh diskutiert aber keine weiteren Faktoren die als “Anker” für ein Layoutraster dienen können.

Vinh geht auch nicht auf die Alternativen zu seiner Ableitung bzgl. der Layoutbreite im Browser ein – es würde zum Beispiel interessieren, ob und welche gründe es gäbe, von seinem Vorschlag von 960 Pixel abzuweichen. Seit Veröffentlichung von “Grids are good” 2007 ist die Diskussion um pro oder contra 1024er-Breite als “kleinster gemeinsamer Nenner” längst eingesetzt und auch da spielen Überlegungen hinsichtlich “Responsive Web Designs” eine Rolle. Doch ein Diskurs findet im Buch nicht statt. Vinh bleibt eng an seiner 2007er-Vorlage.

Mein Grummeln über das Buch ist also nicht zu überlesen. Er arbeitet zu linear sein Tutorial ab und vergisst dabei alles, was sich links und rechts vom sehr schmalen Pfad befindet. Das macht das Buch thematisch sehr viel kleiner als es der Materie gut tut.

Knapp 20 US$ sind deswegen ein recht happiger Preis. Wenn man aber im Hirn den Schalter umlegt, und den Preis als Entlohnung für die gesamten Arbeiten von Vinh in Blogs u.ä. ansieht, dann passt es schon.

Urteil: wer einen Startpunkt oder eine Zusammenfassung zum Thema Grid Layouts sucht und 20 US$ verschmerzen kann, darf zugreifen. Wer beim Lesen darauf wartet, das Vinh irgendwann noch die zweite Stufe zündet, wird enttäuscht.

Zusammenfassung: das Buch ist eine Zusammenfassung und ein Startpunkt zum Thema Grid Layouts. Wer aber auf darauf wartet dass die zweite Stufe zündet, wird vom Buch enttäuscht.