„Die Drei Sonnen“ ist der erste Band der „Trisolaris“-Trilogie des chinesischen Autors Liu Cixin. 2006 erschienen, hat das Buch mit seinem Erscheinen in den USA, 2013, der chinesischen Science-Fiction im Westen zum Durchbruch verholfen.

Die Trilogie ist dieser Tage in Deutsch neu aufgelegt worden, was für mich der Anlass war, mal selber nach zu lesen.

Das Buch steigt mit Kapiteln aus der Zeit der Kulturrevolution ein, ehe es einen Sprung in die Jetzt-Zeit macht. Dort arbeitet der Wissenschaftler Wang Miao an Nano-Werkstoffen. Eines Tages wird er zu einem Treffen einer Kommission gebeten, die mit Vertretern etlicher Länder und Behörden besetzt ist. Es hat eine Reihe von merkwürdigen Selbstmorden unter Wissenschaftlern/Wissenschaftlerinnen gegeben. Einige haben verzweifelte Abschiedsbriefe hinterlassen, wo sie den Sinn von Naturgesetzen anzweifeln.

Die Kommission hat eine Gruppierung namens „Friends of Science“ im Verdacht. Wang Miao soll sich in die Gruppierung einschleusen.

Nach der ersten Kontaktaufnahme wird Wang Miao gewarnt, seine Forschungen für Nano-Werkstoffen fortzusetzen. In den darauffolgenden Tagen fängt Wang Miao an, vor seinem geistigen Auge einen von 1.200 Stunden herunter zählenden Countdown zu sehen. Der Countdown ist sogar auf Fotos zu sehen, die er entwickelt. Als Wang sein Labor für Wartungsarbeiten vorübergehend schließt, verschwindet der Countdown.

Wang bemerkt auch, dass im Umfeld der „Friends of Science“ ein VR-Spiel namens „ThreeBody“ gespielt wird, eine Weltsimulation, die binnen Minuten von einem stabilen zu einem chaotischen Zustand wechseln kann. Dies manifestiert sich durch stabile oder chaotische Sonnendurchläufe, mit entsprechenden Temperaturschwankungen.

Nach und Nach durchschaut Wang die Mechanismen im VR-Spiel…

… und an diesem Punkt hat eine spoilerfreie Zusammenfassung vermutlich aufzuhören.


Bekommst du eine knackige 5-minütige Zusammenfassung des Buchs, liest es sich wie ein fantastischer Stoff, mit genügend Futter für eine Serie. Ich musste breit grinsen, als ich einen der Trailer der geplanten chinesischen Film-Adaption sah. Da haben sie aber aus dem Buch wirklich alles heraus gequetscht, was es so in Sachen erhöhter Pulsschlag gab…

Denn leider liest sich das Buch über seine 600 Seiten sehr, sehr viel schlechter. Gemessen an den Preisen und Kritiken, die das Buch bekommen hat, war „Die Drei Sonnen“ eine herbe Enttäuschung.

Der Plot ist unaustariert. So nehmen zum Beispiel die VR-Sequenzen mehr Platz ein, als es ihnen als Plot-Device zustünde. Und leider ist „die Schreibe“ von Liu Cixin so farb- und emotionslos, das es eine Qual ist, sich durch den nächsten Besuch in der VR-Welt zu lesen.

Gegen Ende des Buches folgt eine plötzliche Beschleunigung durch eine Action-Sequenz, nur um dann darauf seitenlange „wissenschaftliche“ Abhandlungen aus dem Mund der Protagonisten sprechen zu lassen, die wie bemühter Bullshit wirken, um Phänomene zu erklären, die im ersten Viertel des Buches auftraten.

Über weite Teilen liest sich das Buch wie der bemühte Versuch sich von Storyetappe zu Storyetappe zu hangeln und nicht wie ein homogener Stoff.

Verschärft wird dies durch „die Schreibe“. Liu Cixins Schreibstil ist hölzern, spröde und gefühlskalt. Die Charaktere haben kein Eigenleben und sind austauschbar. Sie machen in dieser Story, mit vielleicht einer Ausnahme, keine Entwicklung durch. Die Hauptfigur Wang Miao betrinkt sich am Ende des Buches einmal, aber das war es dann auch. Wie auch bei allen anderen Protagonisten, scheinen die dramatischen Entwicklungen komplett an den Charakteren abzutropfen.

Das Setting wirkt wie ein Potemkin’sches Dorf, bei denen die Kulissen je nach Bedarf auf und von der Bühne gerollt werden. Da wird anfangs die Familie von Wang Miao eingeführt (a.k.a. auf die Bühne gerollt) und dann spielt sie keine Rolle mehr (a.k.a. von der Bühne gerollt), obwohl Wang Miao mehrere Tage lang komplett in einer VR-Welt absumpft, sein Forschungslabor für „Wartungsarbeiten“ vorübergehend schließt oder mal ein paar Tage nach Panama reisen muss.

Auch das werte ich als Indiz dafür, wie wenig Liu Cixin seinen Stoff bewusst einsetzt: ausgerechnet die Protagonistin, die aufgrund ihrer Bio am meisten hergibt und der Auslöser der Story ist, die Astrophysikerin Ye Wenjie, bleibt nur in der zweiten Reihe.

Zwei Aspekte des Romans sind positiv hervorzuheben. Die ersten Kapitel zur Kulturrevolution muss man aus der Kritik an der Empathielosigkeit herausnehmen. Sie sind tatsächlich emotional und haben mich die Zeit spüren lassen.

Der zweite interessante Aspekt ist die Verbindung zur aktuellen politischen Situation in China. Dazu kann ich die achtteilige Podcastserie des Economist empfehlen: „The Prince: Searching for Xi Jinping“ — ein Portrait des jetzigen chinesischen Parteichefs. Man kann einige Parallelen zwischen den Roman, seinen Protagonisten und der Philosophie von Xi Jinping erkennen. Böse formuliert: Xi wirkt wie eine Romanfigur von Liu Cixin.

Es wird auch deutlich, warum Liu Cixin so hart mit der Kulturrevolution umgehen kann — denn damit dürfte er auf der gleichen Linie wie Xi stehen, dessen Familie unter den Repressionen der damaligen Zeit litt (inkl. einer Schwester, die Selbstmord beging). Die Kulturrevolution wird als kurzzeitiger Irrtum der Geschichte behandelt und der Gesamtkontext Mao ausgeblendet. Wie heißt es im Podcast an einer Stelle: China kann zurecht stolz auf seinen wirtschaftlichen Aufschwung seit der 80er Jahre sein. Man sollte aber nicht vergessen, dass es die gleiche kommunistische Partei war, die das Land nach 1949 erst in den Ruin trieb.

Davon aber abgesehen, kann ich die nahezu unisono ausgesprochenen Lobeshymnen nicht nachvollziehen.

Ich bleibe ratlos zurück, wie dieses Buch einen derartigen, an Massenhysterie gleichenden Hype auslösen konnte. Ich werde mich auch durch den zweiten Band der Trilogie lesen, aber meine Zündschnur ist deutlich kürzer. Nochmal solche fünfhundert Seiten werde ich mir nicht antun.

2 von 5 Sternen