dogfood

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Ehrlich: ich habe keine Ahnung wie dieses Buch auf meinem eBook-Reader gekommen ist. Okay, ich hatte schon zwei Bücher von Suarez gelesen und anscheinend fand ich die Beschreibung so sexy, dass ich mir das Buch 2018(!) gekauft habe, als es damals 50% herabgesetzt war…

Suarez schreibt Thriller, die ein paar Jahrzehnte in der Zukunft liegen. Das erlaubt ihm, bestimmte Technologien in Richtung zu Extremszenarien weiter zu denken, bleibt aber immer noch nahe an unsere Zeit, um glaubwürdige Szenarien zu bleiben.

Es gibt für die Konzeption von Produkten und Dienstleistungen die Disziplin des Schreibens von spekulativen Szenarien, um daraus Designanforderungen, Forschungsziele u.ä. abzuleiten: „Wie wird das Internet 2040 aussehen“, „Wie werden Nachrichten 2050 konsumiert“, „Wie werden Menschen 2060 ihre Wäsche waschen“.

Was Suarez da auf 535 Seiten abgeliefert hat, wäre vermutlich auf 10 Seiten herunter komprimiert, interessanter gewesen … und angesichts seines offensichtlichen Desinteresse für Charaktere, auch ehrlicher. „Bios“ auf zehn Seiten eingedampft: so geht es mit der Gen-Technologie weiter, so entwickelt sich Südostasien, so leben Menschen in Metropolen, so entwickelt sich der Sklavenhandel etc…

Worum geht es in „Bios“: 2045. Kenneth Durand ist Leiter einer Interpol-Abteilung gegen den illegalen Einsatz von Gentechnologien an Menschen. Er wird gebeten, seine Ressourcen zur Verfolgung des Kopfes eines asiatischen Kartells, Marcus Demang Wyckes, einzusetzen.

Im Gedränge der abendlichen Rush-Hour in Singapur bekommt Durand eine Injektion verpasst und wacht nach fünf Wochen Koma auf: in der Haut des gesuchten Marcus Demang Wyckes. Die Injektion hat etwas gemacht, was als wissenschaftlich unmöglich galt: sie hat am lebendigen Menschen die DNA soweit verändert, dass aus Durand Wyckes wurde und sich nun im Polizeigewahrsam ist. Durand-Wyckes kann fliehen, versucht seine Unschuld zu beweisen und die DNA-Modifikation wieder rückgängig zu machen.

Der Plot hat Löcher, durch die ganze LKWs durch fahren können und ist künstlich aufgebläht. Suarez zeigt ein Desinteresse interessante Charaktere zu schaffen. Die Protagonisten wirken, als hätte Suarez sie sich in einem Rollenspiel zusammengewürfelt. Sie besitzen keinerlei Tiefe. Sie sind eine Aneinanderreihung eingängiger Versatzstücke.

Ebenso wenig Tiefe besitzt die zentrale Frage, die Suarez zwar in den Raum stellt, aber damit nichts weiter macht.

Wenn man sich nicht mehr darauf verlassen konnte, dass die DNA einer Person unveränderlich war, wie konnte man dann jemanden die Schuld an einer Straftat nachweisen?

Die Technologie könnte das Konzept der Identität selbst untergraben. Wer wer ist — [also] persönliche Verantwortlichkeit –, das war bislang die Grundlange allen Rechts

Was hätte wohl ein Philip K. Dick für ein dystopisches Szenario entworfen? „Der Dunkle Schirm“, der u.a. die Auflösung des eigenen Identitätsverständnisses durch Drogenkonsum schildert, zeigt den Unterschied, zwischen Auseinandersetzung mit dieser Frage und billiger Flugzeug-Lektüre. Ähnlich wie bei der Ausarbeitung der Charaktere, wirkt es wie Desinteresse von Suarez, etwas tiefer zu bohren.

Es war wieder eines der Bücher, wo ich nahe dran war, mittendrin abzubrechen. Das einzige was mich hielt, war die Hoffnung auf eine interessante Plotauflösung … aber die gab es nicht. Der Plot wurde so straight, wie befürchtet, aufgelöst. Am Ende bleibt als einziger Pluspunkt, wie Suarez aktuelle Entwicklungen an einigen Stellen interessant weiter gedacht hat. Aber für 535 Seiten ist das zu wenig und ich fühle mich meiner Zeit beraubt.

2 von 5 Sternen.

Comic: „The Rise and Fall of the Trigan Empire”

Als kleiner Bub bin ich in den Ferien öfters bei meiner deutschen Großmutter im Odenwald gewesen. Schräg’ gegenüber gab es einen Zeitschriftenladen, der einige Comics hatte. U.a. ein Comic-Magazin namens „Kobra, das vorzugsweise britische Serien abdruckte. Mir hatte es vor allem die Serie „Das Reich Trigan“ angetan, die so bombastisch daher kam. Zeichnerisch aufwändig, epische Stories und eine verrückte Mixtur aus römisches Reich, Science-Fiction und Fantasy.

Denk ich an Trigan, denk ich an diese Kleinstadt im Odenwald, an die Kopfsteinpflaster-Straßen, das Geläut um 18 Uhr, mit dem gleichzeitig alle Ladengeschäfte schlossen, an den Spielzeugladen, der einer Freundin meiner Großmutter gehörte. An den kleinen Kohleofen im Wohnzimmer, das traditionelle Gläschen Rotkäppchen-Saft zum Abendbrot und „Onkel Otto“ im hessischen Werbefernsehen. An die zentnerschweren Bettdecken, an den Pisstopf unterm Bett (Toiletten gab es nur im Treppenhaus, eine halbe Etage tiefer).

Nach „Kobra“ habe ich „Das Reich Trigan“ nur noch 1-2 weitere Male gesehen.

Einige Jahre später bekam ich mit, dass die Serie als „faschistisch“ bezeichnet wurde. Naja, nun war es in den 70er und 80er Jahre so, dass die Comic-Kultur in Deutschland, und damit der Diskurs, noch reichlich ungesund war. Superhelden-Comics galten als moralisch verderbende Bildergeschichten. Mit den Tom & Jerry im ZDF-Vorabendprogramm entflammte eine Diskussion über zu viel gewaltverherrlichende Fernsehen für Kinder – 40 Jahre später hat keiner mehr ein Problem, wenn um 17 Uhr in CSI fröhlich Leichen obduziert werden … aber ich schweife ab.

Über 40 Jahre später, gab es ein Wiedersehen mit dem Reich Trigan. Bei HumbleBundle konnte wieder ein Bündel von eBooks von Rebellion erworben werden. Wie gut hat sich „Das Reich Trigan“ gehalten? Erlag ich als Achtjähriger irgendeinem Fascho-Zeug?



Zuerst braucht es etwas mehr Kontext: „The Trigan Empire“ ist eine britische Comic-Serie die von 1965 bis 1982 lief. Es handelt sich also um eine fast 60 Jahre alte Science-Fiction-Serie und wie man schon an Isaacs Asimovs Foundation-Trilogie sehen konnte, altert nicht jede Science Fiction gut.

Die Serie wurde anfangs in wöchentlich erscheinenden Comic-Magazinen jeweils mit zwei Seiten abgedruckt. Das erklärt die teilweise arg textlastigen Seiten und die Kurzatmigkeit der Story. Aufsehenerregend waren die aufwändig gestalteten Zeichnungen/Malereien von Don Lawrence.


Die Stories beschreiben Aufstieg und Fall des Kaiserreiches Trigan auf dem Planeten Elekton. Es ist eine recht krude Mixtur aus „Römisches Reich“ meets „Bibel“ meets Fantasy meets Flugzeuge und Strahlenwaffen. Architektur und Kleidung orientiert sich überwiegend am römischen Reich. Kaiser Trigo und seine Sippschaft hüpft mit Sandalen und einem Schwertchen herum, während die Soldaten um ihn herum am Flughafen, die Strahlenpistole im Holster tragen.

Die Serie beginnt als Trigo und seine beiden Brüder das Nomadenvolk der Vorg anführten. Das Volk wird bei einem grundlosen Angriff eines Kampffliegers eines Nachbarvolkes, der Lokan, fast ausgelöscht. Für Trigo ist dies der Auslöser, um das Volk sesshaft und wehrhaft zu machen. Zu Hilfe kommen ihnen dabei Flüchtlinge vom weitaus höher stehenden Volk der Tharvs, die ebenfalls von den Lokan fast ausgelöscht wurden. Es gelingt ihnen die Lokan bei einem Angriff auszutricksen und im Eiltempo eine Zivilisation hochzuziehen.

Die einzelnen Stories sind zwischen 7 und ca. 30 Seiten lang. Es wechseln sich die gleichen 3-4 Grundtypen von Stories ab. „Der Verräter“ (einer der Brüder, einer der Generäle etc…) versucht das Imperium zu stürzen. Das „fremde Böse“ (andere Völker, Außerirdische) versucht das Imperium zu stürzen. Es wird ein neues Volk/neues Gebiet/neuer Planet entdeckt und bei der Entdeckung riskiert eine Person aus dem kaiserlichen Umfeld draufzugehen.

Häufig gibt es irgendwen oder irgendwas, dass die Kontrolle über die Vorgs oder dem kaiserlichen Umfeld übernimmt: Hypnose, außerirdische Stimmen, außerirdische Seelenwanderer, ein Kraut, das Wahnvorstellungen produziert, Trinkwasser, das willenslos macht… etcetera pp…

Aber am Ende gewinnt das „Gute“. Über die knapp 20 Jahre in denen die Serie lief, hat sich das Reich nur wenig gewandelt. Rein äußerlich verbreitete sich im Reich die Architektur des 70er-Jahre Brutalismus, aber bei Trigo und seinem Berater Peric blieben die Vorlieben für römische Klamotten. All die Konflikte hinterließen keine Spuren, außer graue Haare an Trigos Schläfen. Die Popularität von Kaiser Trigo veränderte sich kaum. Das Volk war mit dem Benevolent dictator for life zufrieden.

Das ist alles von einer Naivität, die auf Dauer maximal von Achtjährigen zu ertragen ist. Wo der Vorwurf der Verherrlichung von Faschismus kommt, ist zu sehen: Trigo und Co. sind ein Traum von Arier: blonde Haare, blaue Augen, muskulöser Körper. Seine Gegner hingegen…






In den ersten beiden Bildern sieht man die Hauptfeinde: die Lokan. Die Assoziationen mit „die Gelbe Gefahr“ und Mongolen liegen auf der Hand. Butterworth und Lawrence haben dies schnell etwas zurückgefahren. Die Lokan bekamen später eine grüne Hautfarbe. Aber das klare Freund-/Feind-Schema bleibt an Gesichtern und Mimik ablesbar und wird im Laufe der über 800 Seiten nur 2-3 Mal durchbrochen.

Verstärkt wird dies durch ein Grundthema, das sich durch viele der Stories durchzieht: das Unbekannte, das Ding, das von draußen kommt und immer Ungemach nach sich zieht. Ich kenne Butterworth und Lawrence nicht. Daher finde ich es etwas müßig ihnen Rassismus vorzuwerfen. Aber der Reaktionismus der durch die Seiten wabert, ist selbst als Erwachsener und unter Berücksichtigung, dass es sich um die 60er und 70er Jahre handelt, nur schwer zu ertragen.

Fast folgerichtig ist es, dass auch den 860 Seiten Frauen so gut wie keine Rolle spielen (Asimov lässt grüßen).

Und was sagt der achtjährige Bub in mir? Der hat sich so ein bisschen geschämt, kam aber bei einigen Panels wieder in mir hoch. Es gab Bilder von Lawrence, die haben sich mir im Kopf eingebrannt hatten und den Bub getriggert haben. Es sind die Mimiken, es ist die Formensprache einiger SF-Elemente und es sind die massiven Farben und die Kolorierung, die aus „Das Reich Trigan“ offensichtlich etwas derart einmaliges machen, dass ich nach über 45 Jahren einige Panels wieder erkannt habe.

Lawrence hat Dinge gezeichnet, die man als Achtjähriger nicht für möglich hielt. „Das Reich Trigan“ war die Comic-Entsprechung eines Monumentalfilms. Er hat nicht nur Dinge auf Papier gebracht, sondern den Sujets und Objekten auch eine Haptik gegeben. Sein Einsatz von Farben schaffte es, den Dingen eine Fremdheit zu geben, wie es im Bereich der realistischen Zeichnungen nur einem Richard Corben gelungen ist.

Als Kaiser Trigo entdeckt, dass er drei Söhne bekommen hat
Besuch auf einen fremden Planeten






Aber das alles, ist ein Faszinosum vergangener Zeiten – als die Comics noch nicht am Computer koloriert wurden und als noch nicht alle zehn Minuten ein neuer Marvel-Film veröffentlicht wurde. Was in der heutigen Rezeption hängen bleibt, ist ein maximal einfältiger Stoff, der zu wenig aus der Langzeitbeobachtung eines Kaiserreichs macht. Dazu kommt eine Grundtonalität, die aus der heutigen Perspektive erzreaktionär und abstoßend wirkt. Der Bub in mir, hat sich eine Zeitlang gefreut. Aber das ist etwas zwischen mir und diesen Comics. Dazu braucht es keine 860 Seiten und für alle anderen ist es eh nicht relevant.

1 von 5 Sternen.

Comic: „Eternals: Only Death is Eternal“, Vol.1

Cover des Bandes

Mein erster Kontakt mit der Neuauflage der Serie „Eternals“ waren Abbildungen der ersten Seiten im Newsletter von Kieron Gillen – und es ward um mich geschehen. Es war Liebe auf den ersten Blick: die Zeichnungen von Esad Ribić und der Colorierung von Matthew Wilson.

Die Zeichnungen atmen eine Leichtigkeit und eine Transparenz. Aber das Layout, die Formsprache und der Strich haben einen Punch.

Aus der Eröffnungssequenz

Die Zeichnungen sind linienlastig, ohne das man sie wahrnimmt. Es kommen, auch dank der Formensprache, Assoziationen mit Mœbius auf. Aber die Linien sind mehr als nur Markierungen für den Coloristen, um Farbflächen zusammenzuhalten. Beim Reinzoomen zeigen die Linien eine Textur wie bei einem Bleistift. Teilweise werden wegradierte Vorzeichnungen sichtbar. Die Schraffur ist kraftvoll und die Linienzüge zeigen eine Kantigkeit, als hätte Jack Kirby himself Hand angelegt.

Großaufnahme eines Gesichtes
*: Colorierung bearbeitet, um den Strich sichtbarer zu machen

Ich hielt beim Lesen immer wieder inne um zu verstehen, wie hier Strich, Layout und Colorierung zusammenarbeiteten.


Die „Eternals“ sind Mitte der 70er Jahre von Jack Kirby für Marvel erfunden worden und sind im Marvel-Universum eher eine Randerscheinung. Als humanoide Außerirdische, die vor eine Million Jahre zur Erde gebracht wurden, um die Menschheit zu beschützen, funktionieren sie nicht wie 08/15-Superhelden. Sie haben andere Agenden, was letztendlich dazu führt, dass sie innerhalb des Marvel-Universum immer heimatlos blieben und das Interesse nur temporär aufglimmte.

Jetzt ist es Autor Kieron Gillen, der ungefähr zehn Jahre nach dem letzten Versuch mit Neil Gaiman, versucht, den Eternals ein Fundament zu geben.

Dazu legt Autor Kieron Gillen in den ersten sechs Heften, die in diesem Band versammelt sind, eine „Whodunit“-Mörder-Story vor, die über weite Teilen eine Intrige aufbaut und immer weiter verschraubt. Die Struktur ist aber gleichzeitig ein Vehikel, um über die sechs Hefte hinweg, Stück für Stück, Hintergründe zu liefern und Portraits dieser Gruppe von Eternals zu zeichnen. Es liest sich wie ein Regelbuch zu einem neuen Rollenspiel. Es ist zu sehen, wie Gillen auch außerhalb des bloßen Storykerns herum, Aufwände betrieb, um die ganze Eternals-„Welt“ zu fixieren.

Die Auflösung des ersten Storybogens funktioniert wie bei einem Zauberer: Gillen lenkt die Aufmerksamkeit mal hier hin, mal dort hin. Und am Ende kommt die Auflösung aus einer ganz anderen Ecke, entwickelt aber eine ungeheure Wucht, die vermuten lässt, dass dies die Eternals für den restlichen Lauf der Gillen-Ära prägen wird.

Auch die „Eternals“ ticken wie andere Gillen-Comics als „Ensemble-Comics“. Gillen positioniert zuerst die Figuren innerhalb der Gruppe, ehe dann die Handlungen anfangen, an unterschiedlichen Fäden zu ziehen um die Charaktere und die Gruppendynamiken zu verändern – Stichwort „The Wicked + The Divine“ oder „Die“.

Die Story ist vielleicht ein paar Seiten zu lang geraten, dreht vielleicht einige Schleifen zu viel. Aber es sind anfassbare Charaktere. Der Band wirkt in sich abgeschlossen und gleichzeitig als Anfang von etwas Größerem. Dazu die einmaligen Zeichnungen & Colorierungen von Ribić und Wilson. I’m sold. und zwar sowas von.

4 von 5 Sternen.

Isaac Asimov: „Foundation“-Trilogie

Foundation-Trilogie

Die „Foundation“-Trilogie von Isaac Asimov gilt als eines der großen Werke der Science-Fiction. Durch die neue Serie bei AppleTV ist die Trilogie wieder ins Gespräch bekommen.

Ach, Asimov. Als Jugendlicher habe ich die leicht verdaulichen Roboter-Romane von ihm verschlungen. Doch irgendwann wurde es mir zu fad. Die Romane waren mir zu viel Verpackung für den eigentlichen Kern, das in der Regel ein Gedankenexperiment rund um die drei Asimov’schen Gesetze der Robotik war.

35 Jahre später hatte ich ein Déja Vu.

Der Plot

In ca. 12.000 Jahre ist die Menschheit ein galaktisches Imperium von über 25 Millionen Planeten. Die Trilogie startet mit dem Moment, an dem der Zerfall des galaktischen Imperiums einsetzt – vergleichbar mit dem Fall des römischen Imperiums.

Im ersten Band prognostiziert die Koryphäe der „Psychohistorie“, Hari Seldon diesen Untergang, gefolgt von einer 30.000 Jahre lange Periode der Düsternis. Nach seinen Berechnungen lässt sich diese dunkle Zeit aber durch Gründung einer „Foundation“ auf tausend Jahre verkürzen. Alles Wissen des Imperiums soll durch die „Foundation“ in einer Enzyklopädie des galaktischen Wissens zusammentragen werden.

Seldons „Psychohistorie“ ist eine Wissenschaft, die auf Basis des Verhaltens von Menschenmassen , die Zukunft berechnet. Seldons Plan ist aber nur oberflächlich der Aufbau der Enzyklopädie.

Wenn die NASA heute eine Raumsonde für eine Mission startet, dann fliegt diese Sonde nicht in einer geraden Linien von der Erde zum Ziel. Häufig werden komplexe Flugbahnen um Monde und Planeten herum berechnet, um über die Anziehungskraft der Himmelskörper an Geschwindigkeit zu gewinnen und in die richtige Richtung gelenkt zu werden

Das ist eine gute Metapher für Seldons eigentlichen Plan: die Menschheit wird auf eine von Seldon berechnete, komplizierte historische Bahn gebracht, um die dunkle Zeit zu verkürzen. Aber es ist für den Erfolg von Seldons Plan entscheidend, dass sich die Menschheit so verhält, wie von Seldon berechnet. Dazu darf die Menschheit keine Details von Seldons Plan wissen – sie würde sich sonst „unnatürlich“ verhalten und damit von der von Seldon voraus berechneten historischen Bahn abweichen.

Der Plot der Trilogie springt chronologisch in der Timeline von Episode zu Episode … und hört, zu meiner Überraschung, bereits nach zirka 400 Jahre auf, bevor die düstere Zeit zu Ende ist.

Der Ausdruck „Plot“ ist eigentlich falsch. Vielmehr handelt es sich um eine Aneinanderreihung von Episoden, die von entscheidende Momente im „Bahnverlauf“ der Menschheitsgeschichte dieser dunklen Ära handeln. Es sind kleine Kammerspiele. Handlung wird durch eine schier endlose Abfolge von Dialogen ersetzt.

Hinter dem Plot

Die „Foundation“-Trilogie gehört zu den Frühwerken von Asimov. Die ersten Episoden wurden 1942 geschrieben – also vor fast einem Jahrhundert alt.

Die Trilogie ist leider unsäglich altbacken. Das ist angesichts des Alters der Trilogie verständlich, hat mich aber trotzdem genervt.

Die Trilogie hat weitere Probleme, die weniger mit dem Alter und mehr mit der Person Asimovs zu tun haben.

Auf 880 Seiten kommen sage und schreibe drei bis vier Mädchen bzw. Frauen als Protagonistinnen vor. Dieser Umstand gewinnt vor dem Hintergrund der seit einigen Jahren bekannten Vorwürfe der sexuellen Belästigung durch Asimov, an Fallhöhe.

Die Trilogie ist sehr, sehr fade (engl: „bland“ trifft es IMHO besser) geschrieben. Das lässt sich an den Charakteren festmachen, die austauschbar sind und nur als Sprechapparate für Asimovs Dialoge dienen.

Im Laufe der 880 Seiten hat es kein Moment geschafft, in meinem Kopf Bilder entstehen zu lassen. Ich kann mich nicht erinnern, wann es bei mir im Kopf nach einem Buch zuletzt so blank war.

Dieses Problem zieht sich durch die komplette Trilogie. Der große Storybogen dürfte in einem Exposé spannend zu lesen sein – auf 880 Seiten gestreckt bleibt, bleibt aber nur Leere zurück.

Die Ursachen, warum es auf den Welten so ist, wie es ist, werden nicht klar. Warum zeigen Gesellschaften auch über einen Zeitraum von 400 Jahren, den gleichen mittelalterlichen Habitus? Warum wird nach 400 Jahren unverändert geraucht und ferngesehen, wie es zu Beginn der Trilogie der Fall war? Warum wirken die Menschen wie identische Klons, obwohl sie über etliche zehntausend Jahren an komplett unterschiedlichen Orten und unter unterschiedlichen Bedingungen aufgewachsen sind?

Das ist das was ich dieser Trilogie und Asimov nicht verzeihe. Warum ist eine Trilogie über diesen immensen Zeitraum und dieser immensen geographischen Dimension angelegt, und die Figuren wirken, als wären sie alle auf die gleiche Vorstadt-High School in Phoenix, Arizona gegangen.

Unter der Haube einer vermeintlich epischen Science-Fiction-Trilogie verbirgt sich ein langweiliges Kammerspiel der High-School-Theater-Gruppe von Glendale, bei Phoenix, Arizona.

1 von 5 Sternen

Was war. Anfang Oktober.

Ich schrub vor 14 Tagen zu meiner Rückkehr aus dem Urlaub/OP-Rekonvaleszenz…

Es hat sich so angefühlt, als wärst du über den Strand ins Wasser gerannt, um ein bisschen zu plantschen und stattdessen ist ein Wellenbrecher nach dem anderen gekommen und hat dir den Boden unter den Füßen weggezogen.

Was wäre die Steigerungsform davon? Ich könnte sie für diese vergangenen zwei Wochen brauchen – und die beiden Wochen stellen nur die Rampe für die Wochen bis zum Jahresende dar.

Das Projekt B biegt langsam in die Schlussgerade ein. Die Timings werden immer weiter für einen Livegang in Q1 festgezurrt und zumindest das Frontend hat die Sprints bis zum Feature Freeze Ende Januar grob durchgeplant.

Die Beschleunigung der letzten Woche sind aber vor allem im Projekt A zu verorten. Unser Frontend wird dort bislang durch ein Content-Management-System ausgespielt. In Q4 müssen wir aber für ein anderes Team ein Subset dieses Frontends für eine Ausspielung durch ein CRM (Kundenmanagement-System) anpassen. Dabei hat sich im Laufe der letzten zwei Wochen unser Liefergegenstand von „hier könnt ihr auf unsere Frontend-Sourcen schauen“ zu „wir bereiten euch die CRM-Templates vor“ verändert.

Bedeutet für meine Kollegin und mich: lernen wie man auf einer Salesforce-Plattform entwickelt, lernen wie Web Components funktionieren, lernen wie die Salesforce-eigenen Lightning Web Components funktionieren. Immerhin konnten wie binnen vier Werktagen einen PoC abliefern, mit dem wir vorerst grünes Licht für unseren Weg bekommen haben.

Und dann erwachte auch Projekt C aus seinem Sommerschlaf. Auch hier steht ein CRM und seine Templates im Mittelpunkt, allerdings bei einem anderen SaaS-Dienstleister. In den kommenden Wochen geht es um Bugfixing, ehe dann grundsätzliche Template-Arbeiten vorgenommen werden sollen.

Und so ist das Wochenende durch ein merkwürdiges Gefühlsmischmasch geprägt. Euphorisch und Neugier ob der neuen Themen. Ehrfurcht vor diesen Bergen an Arbeit. Kampfgeist sich dieser Herausforderung zu stellen. Und das Gefühl, wenn ich das packe, beruflich wertvolles/wichtiges Wissen für die kommenden Jahre bekommen zu haben. Aber das wird in den kommenden zehn Wochen ein wilder Ritt.

Things I worked on.

Wenn ich mein Frontend-Entwickler-Hütchen aufsetze, war das eine befriedigende Woche. Ich habe in Projekt B das bislang umfangreichste Javascript-Modul zur Code-Review abliefern können.

Knapp anderthalb Wochen lang, musste ich den Code-Stand immer wieder überarbeiten, um alle Anforderungen aus der UX und Barrierefreiheit unterzubringen. Am Dienstag war ich dann den ganzen Tag mit Refactoring der „Kladde“ beschäftigt. Als ich dann am nächsten Tag wieder mit der Erweiterung der Funktionalitäten weiter machte und merkte, wie die Bausteine der umgebauten Code-Struktur nun ineinander fassten und wieder verwendet werden konnten, kam ein großes Gefühl der Zufriedenheit in mir auf.

Things I did.

Sonntag vor einer Woche habe ich meine erste 70km-Radfahrt nach der OP absolviert – die Teufelsbrück-Finkenwerder-Hausbruch-Tour. Die Zeit war mit 4:22 so im mittleren Bereich. Meine Beine und mein Steißbein habe ich aber noch bis in den Montag hinein, gespürt.

Reading List

  • Money Stuff/Bloomberg: Facebook Makes Profits, Shareholders Complain, 4.10.2021, Matt Levine
    Eine interessante Kolumne in der Levine anhand von Facebook die Frage betrachtet, ob Profitmaximierung um jeden Preis wirklich im Sinne der Aktionäre ist. In Zeiten des Klimawandels ist dabei der Name „Facebook“ beliebig austauschbar gegen diverse andere Konzerne.
    Der Charme in Levines Kolumne liegt im Aufzeigen unterschiedlicher Ansätze, wie gesellschaftlicher Schaden direkt auf Aktiengesellschaften zurückgespielt werden könnten.
  • Politico: Nikki Haley’s Time for Choosing, 8.10.2021, Tim Alberta
    Ein Very-Longread über die Republikanerin Nikki Haley. Alberta zeichnet ein sehr tiefgründiges Portrait über die rätselhafte Politikerin und verknüpft dabei Haleys Wurzeln als isoliertes Kind indischer Immigranten mit ihren politischen Positionen und Handeln/Nichthandeln.

Things I read.

Ich habe einige „James Bond“-Comics gelesen, Bestandteil aus einem „Humble Bundle“-Comics-Paket von Dynamite Entertainment.

James Bond: „Vargr“ und „Eidolon“ (2015/16)

Comic-Seite
Unterkühlte Zeichnungen. Effizient: wenige Striche um eine Atmo zu schaffen.

Der Verlag Dynamite Entertainment kaufte 2013 die Lizenz für James Bond-Comics und begann mit zwei Storybögen von Warren Ellis.

Die insgesamt zweimal sechs Hefte wirkten wie Aufwärmübungen für Ellis, der da einiges an Atmo (dunkel, kalt, zynisch, Kalter Krieg-like) und Charaktere gut am Wickel hatte, aber letztendlich zweimal den Plot komplett versemmelt. Belanglos und fragwürdige Auflösungen.

Interessante Zeichnungen von Jason Masters (nicht minder unterkühlt wie die Story), für den aber „Eidolon“ eine Höllenqual gewesen sein muss – als jemand der keine Autos zeichnen kann, gleich zweimal Auto-Verfolgungsjagden auf Papier bringen zu müssen.

Zwei von fünf Sternen.

Comic-Seite
Masters zeichnet bemerkenswerte Kampfsequenzen, die so detailliert auf Aktion-Reaktion eingehen, dass es fast wie eine IKEA-Anleitung für Martial Arts wirkt.

James Bond: „Black Box“ (2017)

Comic-Seite
Sparsame, ja schon faul zu nennende Zeichnungen, die in die Belanglosigkeit abkippen. Auch wenn es so nicht aussieht, aber das sollen Schweizer Alpen sein.

Nach Warren Ellis übernahm Benjamin Percy als Autor und Rapha Lobosco als Zeichner. Percys James Bond steht zu Ellis‘ Bond wie Roger Moore zum frühen Sean Connery. Hollywood und buntes Ambiente halten Einzug. Details sind egal (auf einer Schweizer Almhütte wird das Essen wie in einem US-Trucker-Imbiss serviert, die Straßen haben US-Verkehrszeichen und es fahren US-Trucks…).

Die Story (Datenklau) ist einfältig und läuft am Ende auf ein Endgame wie aus einem klassischen Film-Bond hinaus: dem Endkampf in der Schurken-Festung.

Die Zeichnungen von Lobosco sind anfangs (Schweiz) richtig meh. Aber mit Verlagerung des Geschehens in das Nachtleben von Tokyo, hat er einige richtig gute, effiziente visuelle Übersetzungen gefunden.

Schlechter als Ellis und damit bei ein von fünf Sternen.

Comic-Seite
Und so sieht es aus, wenn du als Zeichner zwar faul bist, aber clever genug, um mit minimalen Einsatz (schwarze Flächen vs bunte Flächen & Linien) eine wirklich gute Atmosphäre zu kreieren.

James Bond: „Hammerhead“ und „Kill Chain“ (2016/17)

Ich ließ schon die Hoffnung fahren, als ich dann auf zwei Storybögen von Andy Diggle (Autor) und Luca Casalanguida (Zeichner) stieß. Auf der James Bond-Skala liegen beide Bände eher bei den frühen Sean Connery-Bonds, allerdings ohne den Hauch von John Le Carré-Brutalismus, den Ellis versuchte unterzubringen.

In „Hammerhead“ geht es um eine antikapitalistische Terrororganisation „Kraken“, die anscheinend versucht, an eine britische Militärwaffe zu kommen. In „Kill Chain“ ist ein fehlgeschlagener Einsatz von Bond der Auslöser für eine Serie von Intrigen, die unterschiedliche Geheimdienste und in Folge NATO-Länder gegeneinander ausspielt.

„Hammerhead“ ist für mich vier von fünf Sternen, weil die Intrige etwas zu simpel und offensichtlich ist. „Kill Chain“ bringt aber die fehlende Komplexität rein und ist schlichtweg atemberaubend. Ein Page Turner. Fünf von fünf Sternen.

Es ist Diggles große Leistung den Stories Gravitas zu geben, glaubwürdig zu vermittelt „es steht etwas auf dem Spiel“ – woran Ellis und Percy scheiterten. Insbesondere „Kill Chain“ serviert ein realistische Szenario der politischen Eskalation.

Casalanguidas Zeichnungen werden nicht in die Kunstgeschichte eingehen, sind aber gut anzuschauen, ausdrucksstark und vermitteln eine Dynamik die sehr gut mit Diggles Stories harmonieren.

James Bond: „James Bond Origin“ (2018/2019)

Von höchsten Höhen zu tiefsten Tiefen. Ich habe nach ca. einhundert Seiten aufgehört das Werk von Jeff Parker (Autor) und Bob Quinn (Zeichner) zu lesen.

Der Ableger beschäftigt sich mit dem jungen James Bond, der im Zweiten Weltkrieg von der Schule an Militär und Geheimdienst herangeführt wird. Das einzige was in diesem Machwerk an James Bond erinnert, ist der Name. Charaktere und Tonalität haben mehr mit Jugendromanen zu tun. Der Zeichenstil ist ein typisch manga-beeinflusster US-Comic-Strich.

Null von fünf Sternen.

Comic: „Absalom“

Cover des ersten Bandes
Cover „Absalom #1: Ghosts of London“

„Absalom“ ist ein Spin-Off, das Autor Gordon Rennie im britischen Magazin „2000 AD“ in jeweils 10-Seiten-Episoden veröffentlichte. Namensgeber ist Harry Absalom, einer alternder, vulgärer, abgefuckter, an Krebs erkrankter britischer Bulle mit Schnauzbart. Er steht einer Spezialeinheit vor, die „The Accord“ überwacht. Dabei handelt es sich um ein Abkommen, das im 16ten Jahrhundert zwischen dem englischen Thron und der Hölle abgeschlossen wurde und Dämonen erlaubt, in englische Adelsfamilien einzuheiraten und Kinder zu zeugen, während die Hölle ihre schützende Hand über England hielt und u.a. eine Invasion Englands durch Spanien verhinderte.

In diesem Setting ist der große Storybogen, der Versuch von Absalom seine beiden Enkelkinder zu befreien, die in einem Kinderheim von Dämonen gefangen gehalten werden. Der Plot angereichert durch zahlreiche Intrigen, die der Story und ihren Akteuren immer wieder neue Motive geben.

Das klingt nach einem interessanten Setting – eine Mischung aus 80er-Jahre-Cop-Streifen, Steampunk und Lovecraft. Aber die Action führt zu einer Kleinteiligkeit, zu eine Art „Fog of War“, bei der vor lauter Prügelei und Feuerwerk, die größeren Storybögen nicht mehr nachvollziehbar werden. Das Potential des Settings ist verschenkt.

Und Feuerwerk gibt es nicht zu wenig, dank Zeichner Tiernen Trevallion. Fun Fact: Trevallion wurde inzwischen angeheuert um Spin-Offs von Mike Mignolas Hellboy zu zeichnen. Das passt wie Faust aufs Auge. Das Setting ist nicht unähnlich und Trevallions groteske Figuren und sein Umgang mit schwarzen Flächen und Linien ist nicht weit von Mignolas Arbeit weg. Ich habe mich an einige von Trevallions Charaktere nicht satt sehen können. Seine Zeichnungen sind der Magnet von „Absalom“. Die grimassierenden Dämonen und Menschen verfolgen einem noch eine Zeit lang, nicht unähnlich den Figuren von Ted McKeever, Guido Sieber oder Nicolas de Crécy.

Dem von Rennie aufgezogene Setup kann man zugute halten, das es ein Katalysator für die exzessiven und expressiven Zeichnungen von Trevallion ist. Aber für 300 Seiten ist das eigentlich ein Standbein zu wenig.

3 von 5 Sternen.

Becky Chambers: „Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten“

Cover des Buches

Die „Wayfarer“ bohrt Wurmlöcher und damit Verbindungswege durch den Weltraum. Der Mars-Mensch Rosemary heuert zu ihrem ersten Weltraum-Job bei der Wayfarer an. Kurz darauf bekommt die Wayfarer ihren bislang lukrativsten Auftrag, als sie Verbindungswege zu einem bislang verfeindeten Reich bohren soll.

Klingt spannend, doch nach knapp 40% ist das Buch immer noch nicht in die Puschen gekommen. Stattdessen hüpft das Buch von Planet zu Planet und stattet Freunden und Bekannten Besuch ab. Wir lernen die Crew ausgiebigst kennen – es wirkt wie ein lang ausgewalzte Beschreibung von Charakteren für einen launigen Rollenspielabend.

Liest man Rezensionen zu diesem Buch durch, wird der Humanismus(sic!), Multikulti und optimistische Grundton gelobt.

Ich hab hingegen nach jenen 40% aufgegeben. Ein Plot ist bislang nicht zu entdecken. Die Charaktere aus den verschiedenen Rassen, haben einige gute Ideen, die aber nicht oder nur plump zur Anwendung kommen. Die Charaktere tragen bislang nichts zur Handlung bei, was das Buch beliebig und belanglos macht.

Aber vielleicht ist es auch nur meine falsche Erwartungshaltung gewesen, die nach den positiven Kritiken einen Plot mit Gravität und gesellschaftlicher Relevanz erwartet hatte, aber stattdessen nur die Weltraumentsprechung eines Road Movies bekam.

Ein weiteres Problem habe ich mit der deutschen Übersetzung. Ich weiß nicht, ob ich der Übersetzerin Karin Will einen Vorwurf mache oder ob es einfach ein grundsätzliches Problem ist, diesen extrem kumpelhaften Ton der Crew ins Deutsche zu übersetzen. Die Dialoge lesen jedenfalls infantil und befördern das Fremdschämen.

Nach meinem erfrischenden Intermezzo mit „And Shall Machines Surrender“, machte auch das Durchlesen der Kurzfassung im Internet keinerlei Bock, das Buch noch mal anzufassen. Damit: DNF.

Im Buch stecken einige Charakterideen, aber zumindest in der ersten Hälfte kein Plot, der diese Charaktere agieren lässt. Dem Buch fehlt bis hierhin die raison d‘être und damit ist für mich das Ende erreicht.

1 von 5 Sternen

Benjanun Sriduangkaew: „And Shall Machines Surrender“

Cover der Novella

Dieses Buch hat mir mehr Spaß gemacht, als es vermutlich angesichts der Schwächen machen sollte. Aber ich wurde in eine neue Welt hineingezogen und im Kopf sind immer wieder Bilder entstanden. Ich spüre eine Lust die Bilder zu zeichnen. Das ist mir schon länger nicht mehr mit einem Buch passiert.

And Shall Machines Surrender“ ist ein Science Fiction-Roman, irgendwo in der Zukunft und irgendwo im Universum und irgendwo in der Menschheit. Die Novelle spielt auf einer Raumstation (nein, stimmt nicht, eigentlich eine „Dyson-Sphäre“) namens Shenzen.

Mit Ankunft der Protagonistin Orfea, einer desertierten Spionin, die sich hier niederlassen will, werden wir langsam in eine Welt eingeführt, in der sich verschiedene AIs zum sogenannten „Mandat“ niedergelassen haben und in Koexistenz mit Menschen zusammenleben.

Die Menschen verehren die AIs wie Götter und streben danach von den AIs als „Haruspex“ auserkoren zu werden. Haruspex gehen über einen längeren Zeitraum eine immer symbiotischere Beziehungen mit einer AI ein, ersetzen Körperteile durch Implantate und leben letztendlich mit zwei Persönlichkeiten.

Im Rahmen des Verfahrens zu ihrer Aufenthaltserlaubnis fängt Orfea an, in einem Krankenhaus zu arbeiten. Sie ist überrascht, als sie am ersten Tag ihre letzte Patientin empfängt: Krissana, ihre einstige Vorgesetzte und Liebhaberin – und Haruspex-Anwärterin.

Das Setup setzt sich in Bewegung, als eine Serie von Haruspex-Anwärter|innen Selbstmord begehen. Plötzlich taucht auch Seung Ngo auf, die einst Pflegemutter der Waise Orfeo war und sich nun als eine der AIs des Mandats entpuppt. Seung Ngo bittet Orfea und Krissana die Gründe der Selbstmord-Serie zu ermitteln.

Im Laufe der Novelle werden Orfea und Krissana mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und geraten in einen Machtkampf und Selbstfindungsprozess der AIs.


Es ist der erste Band einer kleinen Serie von Novellen, die im gleichen Umfeld angesiedelt sind: „The Machine Mandate“.


Offiziell stammt die Novelle von der thailändischen Autorin Benjanun Sriduangkaew. Sie ist als Person nicht unumstritten, da sie eine Vergangenheit als Internet-Troll in Foren und Blogs besitzt, inkl. Gewaltandrohungen u.ä..

Es ist unklar, ob Benjanun Sriduangkaew wirklich die Person ist, die sie vorgibt. Es gibt Gerüchte, dass die Radikalität ihrer feministischen, antiamerikanischen und LBGT-Positionen nur aufgesetzt ist und die in Wirklichkeit eine weiße Upper-Class-Hausfrau von der US-Westküste wäre.


Das World-Building im Buch ist sensationell. Nicht zu viel und nicht zu wenig, aber ungewöhnlich und interessant.

Weitaus größere Probleme habe ich mit den Charakteren. Haben die Charaktere in der Novelle alle einen interessanten Startpunkt, so verlieren sie zunehmend an Profil und werden austauschbar – sowohl in Handlung als auch Sprache. Auch die Motivation der Protagonisten wird eine zunehmend wackeligere Brücke.

Ist es die Unerfahrenheit der Autorin? Es fällt auf, dass die Novelle anfangs rund um Orfea verankert wurde, die aber im Laufe der Seiten immer mehr an Bedeutung verliert, während Krissana zur zentralen Figur wird. Das fühlt sich nicht passend zur Exposition an.

Die Novelle geht recht offensiv mit geschlechterneutraler Sprache um. Die massive Verwendung von Pronomen wie „xe“, „xem“ oder „they“ war für mich gewöhnungsbedürftig. Als nicht-super-duper-Englisch-Leser irritierte mich vor allem die Verwendung von „they“. Sind damit mehrere Personen gemeint? Oder geschlechtsneutral nur eine Person? Oder ist es eine Anspielung auf die beiden Persönlichkeiten, die in eine|r Haruspex stecken?

Apropos offensiv: Orfea und Krissana sind zumindest lesbisch und haben ausführlich beschriebenen Sex, der in Maßen auch in Richtung BDSM geht. Ich fand es interessant, einen ersten Einblick in die Denke hinter BDSM zu bekommen. Einen Einblick der eine etwas größere Fallhöhe hat, als das was sonst zum Thema in elektronischen Medien serviert wird.

Bei allen Schwächen und Diskutablen, bleibt am Ende eine Novelle mit einem ungewöhnlichen Setting, die mir Spaß gemacht hat, die originell war und die mich beschäftigt hat.

4 von 5 Sternen.

Oliver Burkeman: „The Antidote“

The Antidote“ ist die Reise des Journalisten Oliver Burkemans auf der Suche nach „Happiness“ – Glück. Der Untertitel sagt wohin die Reise geht: „Happiness for People Who Can’t Stand Positive Thinking“.

Buchcover

Burkemans Startpunkt ist der Widerspruch zwischen dem Wachstum der „Self-Help“-Industrie und den Bücher und Seminaren auf der Suche nach dem Glücklich-Sein – und den offensichtlichen Schwierigkeiten den Status des Glücklich-Seins zu erreichen und stattdessen zum nächsten Schwung an „Self-Help“-Bücher zu greifen.

Und um es eine Stufe weiter zu drehen: … dabei zu „Self-Help“-kritischen Self-Help-Bücher wie die von Oliver Burkeman zu greifen.

Für Burkeman ist „Wie ist ‘Happiness’ zu erreichen?“ die falsche Fragestellung, da die Suche nach „Glücklich-Sein“ und das Scheitern jener Suche, zu Frust und negativer Stimmung führt. Die Kluft zwischen „Glücklich-Sein“ und der Flut an alltäglichen, negativen Erfahrungen wie Unsicherheit, Ungewissheit, das Scheitern und die Traurigkeit, sorgen für noch mehr „Unglücklich-Sein“ in Form von Unsicherheit, Ungewissheit etc… Burkeman sieht hierin den Kern seines Buches: diesen Kreislauf zu durchbrechen, in dem man sich auf Negatives einlässt statt davor wegzurennen.

So führt Burkemans Reise auf der Suche nach mehr Resilienz gegen Negativem zu Stoiker, Buddhisten, Meditation, Bergsteiger, Produktdesignern und mexikanischen Todeskult.

Das Buch ist keine aus einem Guss geschriebene Dokumentation oder Diskurs. Die acht Kapitel leiten mit An- und Abmoderationen ineinander über, fallen aber eher heterogen aus. Während die ersten Kapitel noch halbwegs eng am philosophischen/psychologischen/therapeutischen Diskurs dran bleiben, wirken die Kapitel sechs, sieben und acht wie angeflanscht und klingen mehr nach Reiseberichte nach Kenia, Michigan und Mexiko.

Aber am Ende des Buches sind mir trotzdem zahlreiche Notizen und angestrichene Passagen geblieben. Weil Burkeman von der journalistischen Seite kommt, findet er eine andere, authentischere Sprache als man es sonst von der Self-Help-Ecke kennt. Dafür wären keine 250 Seiten notwendig gewesen. So muss jede|r für sich entscheiden, ob es so etwas braucht. Wenn am Ende des Tages irgendwas kleben bleibt, hat es ja seinen Zweck erreicht – egal ob auf 50 oder 250 Seiten.


Im Epilog stellt sich Burkeman der Frage, ob er denn inzwischen „glücklicher“ sei, mit all den Philosophien, Techniken und Erkenntnissen, die er für das Buch zusammengetragen hat. Burkeman kann diese Frage nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten und spricht vom „guten Reisenden, der keine festen Reisepläne hat und nicht vor hat, seine Reise zu beenden“.

Mit seinem Epilog spiegelt Burkeman auch meine Erfahrung mit diesen Themen und diesem Buch wieder. Egal ob Meditation, Achtsamkeit, MBSR oder ähnliches. Mit der Zeit lernst du, dass es für dich keinen fertigen Masterplan gibt, um deinen inneren Frieden zu finden. Es sind neue Werkzeuge, neue Techniken, die du kennen lernst. Einiges wird für dich passen. Anderes nicht. Einiges wird den Reiz des Neuen haben, aber nach einigen Wochen wieder in Vergessenheit geraten.

Am meisten Eindruck hinterließ bei mir das Kapitel rund um Eckhard Tolle und damit verbunden, der Diskurs um „Ich“, „das Ego“ und die Gedanken. Dies ist keine grundsätzlich neue Idee. Jeder der sich mit Meditation/Achtsamkeit beschäftigt, kennt diese Trennung zwischen dem „Beobachter“, der versucht auf die Atmung zu achten, und diesem anderen Ding, dass immer wieder Gedanken einwirft, die beiseite geschoben werden. Tolle spricht diese Trennung deutlich an.

„You are not your mind.“

Es braucht manchmal so kurze, banale Sätze. Nicht weil sie alles erklären, sondern als eine Art Mantra oder Mnemonic, der dir den kompletten Diskurs wieder ins Gedächtnis ruft.

Ein anderer Satz ist „Hast du jetzt ein Problem?“. Auch dieser Satz steht im Kontext des Kapitels rund um Eckhart Tolle. Er ist für mich eine Art gedankliches Stopp-Schild. Wenn die Gedanken wieder anfangen zu eskalieren und rum zu spinnen, ist es das Stopp-Schild, dass dich wieder zum Hier und Jetzt zurück bringt.


Zu Burkemans „The Antidote“ kann man vermutlich keine objektive Rezension geben. Zu stark wird die eigene Rezeption von der eigenen Position abhängen. Für Menschen, die sich noch nicht mit Meditation oder Depression beschäftigt haben, wird dies vermutlich nur ein weiterer Self-Help-Titel sein. Für andere Menschen, die bereits ihren zehnten _Retreat_ hinter sich gebracht haben, wird Burkemans Buch eher banal sein.

Ich falle in die Kategorie der Suchenden. Ich nehme jede Anregung mit. Auch die von Burkeman. Wieviel sie mir am Ende bringen, weiß ich noch nicht. „Reise“ und so…

4 von 5 Sternen

Martha Wells: „Tagebuch eines Killerbots“


Martha Wells‘ Reihe „The Murderbot Diaries“ hat inzwischen alles an Preisen abgesahnt, was es im SF-Bereich gibt: Hugo Award, Locus Award, Nebula Award. Zwei Jahre später erschien in Deutschland im Heyne-Verlag ein Omnibus, der die vier ersten Bände, die allesamt Novellen von ca. 150 Seiten Länge waren, zusammen bündelt.

Protagonist irgendwo in der fernen Zukunft ist „Murderbot”, bzw deutsch: „Killerbot“, eine „SecUnit“, ein Roboter mit menschlichen Bestandteilen, die von „der Firma“ als Sicherheitskraft an Forschungsexpeditionen vermietet wird, um sie beim Erkunden von fremden Planeten vor Flora und Fauna zu schützen.

Killerbot hat aber das Überwachungsmodul der Firma in seinem Kopf gehackt und agiert daher recht eigenständig und mit zunehmenden „Selbst-Bewusstsein“.

Allerdings entschied sich Wells gegen eine philosophische Diskussion à la Bladerunner, Westworld et al., wieviel Mensch in einen Roboter stecken kann. Stattdessen bog sie an der Ausfahrt „Unterhaltungsliteratur“ ab.

Killerbot begleitet eine Forschungsmission auf einen fremden Planeten und die entgleitet, als ein Großkonzern versucht seine Pfründe zu sichern. Die vier Novellen sind zwar in sich abgeschlossen, bilden aber in Gänze einen Storybogen rund um Killerbot, die Forscher und bösen Großkonzerne.

Es ist unterhaltsam geschrieben, aber es gibt etliche Gründe, die gegen die von Heyne gewählte Erscheinungsweise als 580 Seiten starkes Buch sprechen. Als kleine Häppchen genossen, mag sich Killerbot noch gut lesen. Aber bei den vier Novellas in einem Rutsch, wird es monoton. Dazu wiederholen sich die Spannungsbögen und die typischen Macken von Killerbot. Der Sarkasmus und die Beobachtungen von Killerbot haben nicht die Tiefe, um das dicke Buch zu tragen.

Es gibt einige Aspekte, die das Buch interessant machen. So zum Beispiel die subtile Annäherung von Killerbot an das „Mensch-Sein“ – zuerst aus Tarnung, aber dann auch … aus emotionalen Gründen? Dazu die Beschreibungen der Eigenarten einiger AIs und der Umgang mit den omnipräsenten Medien. Man ahnt, dass Wells einiges mehr an World Building in Reserve hat, als sie leider raus lässt. Doch leider bleibt es bei Gesellschaftsformen nur bei bloßen Andeutungen.

Wenn man mit „Killerbot“ nicht mehr als die Reiseflughöhe „Unterhaltung“ erreichen will, ist der Omnibus von Heyne ganz okay. Größere Ambitionen werden zumindest mit Band 1 nicht befriedigt.

4 von 5 Sternen.

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