dogfood

Was war. KW38

Eine Woche wie ein Gemischtwarenladen. Viele Dinge angefasst. Einiges ist vorwärts gebracht, anderes ist im Schwebezustand oder zieht sich hin. Ziele sind ausgesprochen worden – mit Zeithorizont Ende 2021. Vorsätze sind so auf Whiteboard-Folie niedergeschrieben, dass ich sie mehrmals am Tag zu sehen bekomme.

Einerseits musste ich mein Arbeitspensum höher schrauben. Andererseits war ich an drei der fünf Arbeitstagen tagsüber unterwegs zu Läden und anderen nichtberuflichen Terminen, was natürlich durch Abendschichten kompensiert werden musste.

Things I worked on.

Knock, Knock, Knock. Das zweite Projekt ist über die Schwelle getreten und letzte Woche auf meinem Schreibtisch gelandet. Zum Projekt „v20“ war ich erstmals bei den Gesprächen dabei. Beim Design schlagen die ersten abgenommen Module und Seiten auf, während frontendseitig die Werkzeuge zusammengestellt werden und mit dem Fundament (Grid, Navigation) angefangen wird. Für mich von besonderen Interesse: anhand eines zweites Projektes sehen, wie ein Designer seine Designs in Sketch aufbaut und verwaltet.

Im Projekt „t5“ gibt es just in diesem Bereich derzeit viele Diskussionen. Abseits davon, habe ich für „t5“ die vergangene Woche an einem alternativen Basis-Layout gearbeitet, dass in einigen Szenarien zum Einsatz kommen wird. Kommende Woche wird mein Schwerpunkt im Schreiben von Tests liegen, um den kommenden Schwenk auf eine neue Version des CMS‘ zu unterstützen.

Things I did.

Im Garten zeichnet sich für die selbstgezüchteten Tomaten ein worst case-Szenario ab. Bei der Erkrankung handelt es sich um die Braunfäule. Laut Auskunft im Baumarkt, grassiert die Braunfäule dieses Jahr besonders stark, als Folge von phasenweise starken Niederschlägen, wenig Sonnenschein und wenig Wind. Die Feuchtigkeit wird nicht schnell genug abgebaut und der Stamm fängt punktuell an zu gammeln. Die Braunfäule breitet sich dann aus.

Zirka 90–95% meiner Tomatensträucher sind davon befallen und das maximalste was ich da raus holen kann, ist die Tomaten-Rispen so spät wie möglich runter zu nehmen und die Tomaten im Haus nachreifen zu lassen. Nur zwei etwas abseits stehende Sträucher scheinen noch nicht befallen worden zu sein.

Die Zucchinis pfeifen aus dem letzten Loch. Durch die wesentlich tiefer stehende Sonne und die starke Abkühlung nachts, hat sich das Wachstum verringert. Ich denke ein bis zwei Zucchinis werde ich mindestens noch ernten können.

Die Fauna draußen, wird durch Krähen und Elstern dominiert, so wie durch die Eichhörnchen, die sich den ganzen Tag durch den großen Walnussbaum fressen.

Am Freitagnachmittag ist mir am Rad hinten eine Speiche weggeknackt – mitten auf kinderpopo-glatten Asphalt. Vermutlich eine „Stressfraktur“. Ich fahre aktuell durch Ecken, für die man die Stadt Hamburg eigentlich in Regress nehmen müsste, wg. nicht behobener Straßenschäden.

Mein aktuelles Highlight ist die Einmündung der neu eröffneten Fahrradstraße Högenstraße in den Langenfelder Damm. Die Fahrradstraße besitzt an der Einmündung eine Kante der Marke „felgenbrechend“. Noch schlimmer: wer stadtauswärts aus dem Langenfelder Damm in die Höhenstraße abbiegt, wird aufgrund des Straßenverlaufs beim Abbiegen zu einem recht flachen Winkel verleitet. Kombiniert mit der hohen Kante, riskiert man als Radfahrer auf die Fresse zu fallen. Will man stattdessen zum „Nehmen der Kante“ im 90 Grad-Winkel abbiegen, muss man auf dem Langenfelder Damm einen Bogen von der Fahrbahnmitte aus ansetzen – was man auf dem Langenfelder Damm nicht wirklich möchte – und riskiert dann auf der Högenstraße vom linksabbiegenden Gegenverkehr auf die Hörner genommen zu werden, weil der ebenfalls sehr mittig steht und dem Radfahrer nur wenig Platz lässt.

Auf der positiven Seite für mich als Radfahrer, sind die neuen und breiteren(!) Belage für die Spazierwege in Niendorf und Langenhorn, entlang dem Tarpenbek-Wanderweg und Rahwegteich.

Mein Rad habe ich noch nicht zur Reparatur gegeben – am Montag und Dienstag muss ich für zwei Arzttermine zum Grindel und nach Bahrenfeld fahren.

Things I read.

Ich habe den Hauptstrang von Black Hammer zu Ende gelesen. Um es vorweg zu nehmen: es hinterlässt mich etwas ratlos, ob ich es ob des weggeworfenen Potentials verreißen soll oder mich an den gelungenen Passagen erfreuen soll. Ich würde zu gerne wissen, was da bei Jeff Lemire und Dean Ormston abgegangen ist. Die offizielle Kommunikation (Schlaganfall, Reboot) überzeugt mich nicht.

Things I watched.

Nach fünf Wochen erstmals wieder Sport geguckt: am Samstag drei Rugby-Spiele aus Australien „on demand“.

Neuen Kaffee: 80/20-Espresso

Etikett der Kaffeeröstung

Ich habe eine neue Lieblings-Kaffeeröstung: „80/20 Espresso“ von Timo A. Meyer, der damit meine bisherigen Lieblinge von Quijote Kaffee ablöst.

Zwar hat auch diese Röstung noch nicht meine Probleme mit dem Ziehen von Espresso gelöst. Aber was „80/20“ auszeichnet, ist der Punch, die Durchsetzungsfähigkeit in der Milch, den die Röstung im Cappuccino besitzt.

Nach mehreren Wochen „80/20“ wirken andere Röstungen sehr flach – mich erinnert es an den Effekt, wenn man mehrere Wochen „Fritz Cola“ trinkt und dann plötzlich wieder „Coca Cola“ bekommt.

Was war. KW37

Things I listened to.

Bei mir derzeit in Endlosschleife und als Hintergrundmusik für den Blogeintrag geeignet: JP Nataf mit „Seul Alone“ (/via Nova La Nuit)


Vielleicht schreibe ich den Blogeintrag zu früh. Keine Ahnung. Im best case habe ich gestern Abend ‘nen Schalter umgelegt bekommen, nach dem ich am Donnerstagnachmittag in ein tiefes Loch abgestürzt bin. Vielleicht ist es aber auch nur eines von den unzähligen Male, bei dem die Umsetzung nach ein paar Tagen müde ausläuft und ich wieder von vorne anfange.

Things I worked on.

Bei t5 habe ich in der Woche recht geschmeidig ein größeres Ticket erledigt und dabei einen CSS-only Weg in der Umsetzung gefunden, der zwar den IE11 zurücklässt („degrading gracefully“ mit ein bisschen JS-Hilfe), denn ich aber recht clever fand – Stichwort: Aufspannen von Boxen in mindestens einem bestimmten Seitenverhältnis und ohne den alten Padding-Trick (weil hier IMHO nicht anwendbar).

Dabei bin ich auf die erste Inkompatibilität von SCSS aus der Vor-Dart-Sass-Zeit gestossen: SCSS verwechselt die CSS-native Funktion min() mit der eigenen min()-Funktion und wirft einen Syntax-Fehler. Workaround: calc( min() ).

Einmal mehr darüber nachgedacht, wie Design-Liefergegenstände für Content-Management-Systeme aus Perspektive von Frontendwickler auszusehen haben, bzw. die Abstimmung laufen sollte.

Vor der Tür steht ein zweites Projekt, dass sich aber noch nicht entscheiden kann, wann es über die Schwelle treten wird und wieviele Ressourcen es haben will.

Things I did.

Viel Garten. Ich habe weitere Zucchinis geerntet (u.a. gestern einen 460 Gramm-Exemplar). Die Tomaten reifen weiter vor sich hin – ich mache mir allerdings ein bisschen Sorgen, weil einige Sträucher an ihren Stämmen braune Stellen bekommen, die für mich ein bisschen nach Pilzerkrankung aussehen.

Ich habe den nächsten Stauden-Großeinkauf getätigt und werde bei Lieferung in der kommenden Woche etwas eskalieren – vor allem den bislang vernachlässigten Vordergarten.

Things I read.

Mit dem Geschenk eines Lesers angefangen: Black Hammer. Mir fällt es noch schwer, die Serie einzuordnen. Sie ist eine ungewöhnliche Interpretation des Superhelden-Genres (etwas von dem ich nicht glaubte, dass ich es 2020 noch schreiben würde…) und reizt damit zum Lesen. Problem: es ist mir auch nach zehn Heften unklar, ob ich noch in der Exposition, schon in der Klimax oder gar im Dénouement bin.

You don’t have a problem.

You have a solution you don’t like.

Was im August noch fehlte: Sternschnuppen

Der vielleicht erhabensten Moment der letzten Wochen, kam Mitte August, mit dem Perseiden-Sternschnuppenregen – ich habe mit 52 Jahren meine ersten Sternschnuppen gesehen.

Es war unter der Woche ein klarer Himmel. Ich bin in den kleinen Park am Tarpenbek-Rückhaltebecken, beim Kronstiegtunnel, gegangen und zu meiner Überraschung machten sich weder die Straßenlichter der Flughafen-Umgehungsstraße noch der Flughafen selber, negativ bemerkbar.

Gegen 22h30 war die Sonne soweit hinterm Horizont verschwunden, dass man anfing, mehr als nur die ganz großen Sterne oder Planeten wahrzunehmen. Ich hatte noch nie Sternschnuppen gesehen und wusste nicht wie sie aussehen. Eine Freundin, am Telefon dazu geschaltet, erklärte es mir. Dann sah ich meine erste Schnuppe. Und war fasziniert. Und bei den nächsten Schnuppen wünschte ich mir auch was – bislang ist nicht ein einziger der insgesamt fünf Wünsche in Erfüllung gegangen.

Das Faszinierende am Sternenhimmel, ist die Adaption der Augen. Einmal ein Muster verstanden, fangen sie an, die Muster wieder zu erkennen. Sei es Sternzeichen. Sei es das kurze Aufblitzen von Sternschnuppen. Sei es die inzwischen immense Zahl an Satelliten.

Am darauffolgenden Abend bin ich aus Hamburg rausgefahren und habe mich ins hohe Gras eines unbewirtschafteten Feldes hingelegt. Ich lag eine halbe Stunde oder eine Stunde im Gras. Ich legte mich immer wieder in einer anderen Richtung hin, um mich auf andere Bereiche des Himmels zu konzentrieren. Ich war alleine in meiner eigenen Blase und es war ausnahmsweise eine schöne, entspannte Blase, in der alles andere an Wichtigkeit verlor.

Was war. Anfang September.

Was war.

– Therapeutin: „Was tut Ihnen gut?
– Ich: „


… Hm… Keine Ahnung … Ich … Mir fällt nichts ein.


t5 – Die zweite zähe Woche im Projekt im Niemandsland zwischen Code-Reviews, Umheben des Projektes auf eine neue CMS-Version und noch nicht fertiggestellten Specs. Immerhin ist zu Ende der Woche alles aufgegleist und ich werde ab Montag wieder in den Code-Flöz hinabsteigen können.


Ich habe seit ziemlich genau einen Monat null TV gesehen – Streams eingeschlossen. Das Letzte war der vorletzte Spieltag von Super Rugby Aotearoa Anfang August. Mein letztes Computerspiel liegt noch länger zurück.

Ich laufe derzeit allgemein sehr unrund und das ist ein weiterer Datenpunkt, der mich ratlos macht.


Paris und Bordeaux sind in Frankreich zu roten Coronavirus-Zonen deklariert worden. Damit sind meine beiden geplanten 2020er-Urlaubsziele endgültig abgeschossen. Also Nordsee…


Eigene Zucchini

Garten – Die ersten drei Zucchini konnten von mir geerntet werden: 360g, 450g und 380g. Nummer vier wird in den nächsten Tagen folgen und drei bis vier weitere sind am Wachsen.


Erstaunlich wieviel man retrospektiv über seinen Leben lernt. Diese Woche erfahren, was der eigentliche Auslöser für ein Beziehungsende vor 23 Jahren war.


Am heutigen Sonntag wieder eine Freundin in Neugraben besucht – da die Retheklappbrücke im Freihafen gesperrt ist, heute mal als Hinweg via Hafenfähre über Finkenwerder gefahren, durch das Alte Land, bei dem die Obstbauern derzeit per Gabelstapler Äpfel palettenweise hin- und her transportieren. Die Hafenfähre nicht mitgezählt, war die Strecke zwar acht Kilometer kürzer, hat aber brutto die gleiche Zeit benötigt (exklusive fünf Minuten Wartezeit auf die Fähre).

Zurück ebenfalls zwei neue Streckenabschnitte ausprobiert um die nervige Cuxhavener Straße zu vermeiden.

Anfangs den Fischbeker Heideweg nicht ganz durch fahren, sondern diagonal über die Schwarzen Berge abkürzen – mit zwei richtig bösen Steigungen.

In Harburg dann die Seehafenstraße nach Norden verlassen und auf den Deichwegen über die Harburger Hafenschleuse auf die Alte Harburger Elbbrücke stoßen. 36,4 Kilometer, also dezent kürzer und mit 1:56 erstmals auf der Strecke unter zwei Stunden geblieben. Ich glaube, bei diesem Weg werde ich bleiben.


Nach 28 Jahren endlich dazu gekommen „Metropol“ und „Metropol A.D.“ von Ted McKeever durch zu lesen. Rezension folgt.


Wahnsinnig unstete Launen. Die gute Nachricht: die ganz tiefen Löcher sind nicht mehr dabei. Die schlechte Nachricht: dafür werden öfters Halbtags-Löcher eingestreut.

Vision is the bottleneck of talent.

Most talent is wasted because people do not clearly know what they want. It’s not a lack of effort, but a lack of direction.

There are many capable people in the world, but relatively few that focus on what matters.

Ted McKeever (1): „Eddy Current”

Cover von „Eddy Current“
Cover des Trade Paperbacks von „Eddy Current“

„Eddy Current“ erschien 1987 als zwölfteilige Heft-Serie in einem kleinen Verlag und 1991 bei Dark Horse nochmals als Hardcover-Trade Paperback. Zeichner ist der US-Künstler Ted McKeever. Eddy Current war das zweite Comic-Projekt von McKeever und heimste etliche Preis-Nominierungen ein.


Der Untertitel des TPBs „A 12-Hour Book“ gibt die Struktur preis. Eddy Current ist Insasse in einer Irrenanstalt. Am späten Nachmittag bekommt er sein langersehntes Paket: den „Dynamic Fusion Suit“, den er sich via Coupon von der Rückseite seiner Lieblings-Comic-Serie „Amazing Broccoli“ bestellt hat, und der ihm Superkräfte verleihen soll und mit dem er Held sein und die Menschheit retten will.



Dummerweise sind die benötigten Batterien nicht beigefügt. Also schließt er den Anzug an die Steckdose seiner Zelle an. Er erzeugt damit einen Kurzschluss, der das Sicherheitssystem der Irrenanstalt bis zum Wachwechsel am nächsten Morgen um 6 Uhr, lahm legt. Zwölf Stunden Freiheit für Eddy Current. Zwölf Stunden um seiner Bestimmung, die Menschheit zu retten und wie sein Vorbild Broccoli, wie ein Held zu sterben, nach zu kommen. Die zwölf Hefte umfassen jeweils eine Stunde.

Die Serie lässt sich schwer fassen, weil sie zwischen sämtlichen Limits irrlichtert. Sie greift Genres auf, um sie zu parodieren, aber gleichzeitig das Fundament darauf aufzusetzen.

Es ist ein Superhelden-Comic, dessen Protagonist kein Superheld und unsympathisch ist und dessen Zeichner & Autor Superhelden-Comics bis zur Ekelgrenze lächerlich macht. Gleichzeitig basiert der ganze Spannungsbogen auf einen Helden-Showdown.

Die Akteure strotzen nur so vor falschen Gefühlen und enttäuschten Biographien. Mitleid verdient nur die „Nun“, die empathische Nonne, die aber gleichzeitig die am stärksten verblendete Figur ist und in Eddy Current die Wiederauferstehung von Christus sieht.


Die Geschichte ist wie ein zwölfstündiger Rausch durch die Nacht, der nur mühsam von einer Story zusammengehalten wird. Es sind McKeevers Schwarzweiß-Zeichnungen, die die Serie in eine andere Dimension heben. Kraftvoll, expressionistisch in Strich, Pinsel, Spiel mit den Flächen und Formgebung. McKeever ist konsequent und gnadenlos. Vier Jahre vor Frank Millers „Sin City“ (1991) geht McKeever an die Extreme der Schwarz-Weiß-Darstellung, ohne dass es, wie bei Miller, als „L‘art pour l‘art“ wirkt.


Interessant ist dabei die Wandlung von McKeevers Zeichenstil im Laufe der zwölf Hefte. Zu Beginn wirkt er noch zaghaft im Ausdruck seines Striches und im Einsatz von schwarzen Flächen. Er behilft sich mit Grauwerten per geklebter Rasterfolie. Ab dem dritten Heft (20 Uhr) wird die Rasterfolie kaum noch eingesetzt und verschwindet zugunsten eines extremen Spiels mit Weiß- vs Schwarzflächen und radierungenähnlichen Schraffuren. Outlines werden von McKeever gezielter eingesetzt oder weggelassen. Die Formsprache unterwirft sich dem Ausdruck und dem Gesamtlayout statt der inhaltlichen Darstellung.


„Eddy Current“ hinterlässt im Kopf einen Einschlag, den man aber nicht greifen kann. Es ist nicht die Story, denn sie bietet keine greifbaren Protagonisten. Die Story ist nur ein roter Faden, für das Toben der McKeever‘schen, zeichnerischen Urgewalt, die da nach einigen Heften ins Rollen kommt. Was haften bleibt, sind Bilder. Auch dreißig Jahre nach Erscheinen und zwanzig Jahre nach dem Frank Miller mit „Sin City“ das Thema abstraktes Flächen- und Formenspiel totgespielt hat, bleibt „Eddy Current“ als zeichnerische Ausnahmeerscheinung ganz oben im Regal stehen.

5 von 5 Sternen.

There are many things you can’t control, but you can control the way they reach you.

Was war. Im August

Was im Juli begann, setzte sich im August fort. Auf der Suche, ohne zu wissen, nach was. Wer es von außen betrachtet, wird mit Sympathien feststellen, dass viele Dinge angepackt werden. Aber aus der Binnensicht fühlt es sich statisch an, weil sich an der Gefühlslage nichts ändert. Eine Frage der Perspektive.

Das Highlight war das erste August-Wochenende. Ich bekam den Tipp, dass in der Kunststätte Bossard ein Freiluft-Aktzeichnen-Seminar stattfinden würde.

Ein kleiner Einschub: ich bin eigentlich gelernter Illustrator. Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Gestaltung, Studiengang Illustrator, 1996 mit Diplom abgeschlossen.

Aber aus dem Illustratoren-Job bin ich raus. Seit der Jahrtausendwende hatte sich der Schwerpunkt in Richtung Web/Frontend-Entwicklung verlagert und meinen letzten Illustrationsjob dürfte ich 2006 im Rahmen von Phasenzeichnungen für eine Kinder-CD-ROM gemacht haben. Danach quasi nicht mehr einen Zeichenstift angefasst – also je nach Rechnung, 15 bis 30 Jahre aus dem Illustrations-Thema raus, raus, raus.

Und verlernt, wie ich bei meinen vereinzelten Zeichen-Versuchen in den letzten Monaten festgestellt hat – und das tut ziemlich weh.

Da ich sowieso versuche, mich wieder dem Zeichnen anzunähern, passten zwei Tage Aktzeichnen. Und zwei Tage Lüneburger Heide passten zu meinem Verlangen, aus meinem Trott auszubrechen und neue Impulse zu bekommen.

Ich buchte kurzfristig ein Zimmer in einem Gasthaus am Rand der Heide für ein Wochenendurlaub, buchte den Kurs und meldete mich dann am Freitagmittag vom Job ab.


Nach dem mein „Bahnhofsrad“ im Juli schlapp machte und meine Radfahrten immer ausschweifender wurden, habe ich Ende Juli ein neues Rad beim lokalen Dealer gekauft. Am ersten August-Wochenende besuchte ich wieder die Freundin in Neugraben. 36km hin, 38km zurück. Feuertaufe bestanden.


Es zeichnete sich ab, dass das Wochenende in der Heide eines jener 33º C-Wochenende werden würde. Am Donnerstag hatte eine Freundin die Idee, dass ein Sonnenhut für so eine Fahrt cleverer als meine gewohnte Cap wäre. Der Sonnenhut ist luftiger, schützt die Augen genauso vor der Sonne und aufgrund der Krempe, schützt sie auch den Nacken. Leider war der entsprechende Hut bei Globetrotter ausverkauft, aber eine Suche nach der Marke, ergab, dass der Hut auch im Online-Shop von Peek & Cloppenburg erhältlich war und diese einen Overnight-Versand bis 12 Uhr am nächsten Tag boten – am Freitag um neun Uhr hielt ich den Hut in den Händen. Es gibt nicht viel was mich freute, aber das hat mich gefreut und der Hut hat sich als so praktisch erwiesen. Ich bin ein sehr großer Fan geworden.


Am Freitagmorgen wollte ich mir schnell die Route zum Gasthof aufschreiben, merkte aber, dass dies immer mehr eskalierte. Ich schrieb zwar weiter meine drei DIN-A4-Zettel mit den Routen von Hamburg nach Sahrendorf, Sahrendorf zur Kunststätte und von der Kunststätte nach Hamburg auf.

Aber „sicherheitshalber“ kaufte ich auch das App-Paket von Naviki für das iPhone. In der Tat. Es hat nur zwei Kilometer in Harburg gebraucht, bis ich von der Zettelwirtschaft so entnervt war, dass ich mir einen Ohrstöpsel ins Ohr steckte und Naviki mir die Richtungsanweisungen aufs Ohr sprechen ließ … was überraschend gut funktionierte, nein, was eine großartige Vereinfachung für die Tour darstellte. Und auch meine Befürchtung, dass die Navigation, Sprachausgabe und GPS mein Handyakku binnen einer Stunde leer lutschen würden, erwies sich als unbegründet.

Strecke Langenhorn bis Dammtor
Strecke: Home bis S-Bahnhof Dammtor, 12,6 Km

Die erste Etappe war noch gewohntes Terrain: 12,6Km von Langenhorn meine übliche Strecke gen Innenstadt: Sengelmannstraße, Rathenaustraße und ab da die Fahrradstraße Leinpfad und Harvesterhuder Weg/Alsterufer. Fontenay rechts ab, zum Dammtor-Bahnhof, der nicht so überlaufen wie der Hauptbahnhof ist, und daher IMHO fahrradkompatibler – insbesondere wenn ich an die Fahrstühle denke.

Dann mit der S31 bis Harburg gefahren und ca. 20 Minuten gebraucht, um im Harburger Bahnhof an der Stelle rauszukommen, wo ich rauskommen wollte.

Strecke: Harburg bis Egestorf-Sahrendorf
Strecke: Harburg bis Egestorf-Sahrendorf, 37,9 Km

Die Strecke von Harburg nach Sahrendorf, an den Rand der Heide, ist eine „Frankensteinstrecke“, die ich mir nach Input von Naviki, OpenStreetMap, Google Maps und HERE selber zusammengestellt habe und mit der ich fette Bundesstraßen vermeiden wollte.

Die Rechnung mit den fetten Bundesstraßen ging nur so halb auf. Den erkauft man sich mit dem Nachteil, dass die Kreisstraßen teilweise Radwege habe, die alle zwei Meter von irgendeiner Baumwurzel hochgeworfen wurden.

Hinter Stelle wurde mir klar, dass ich ein Thema so gar nicht auf dem Schirm hatte. Ich war zwar nicht in den Alpen unterwegs, aber der gewohnte flache Stadtteppich war das auch nicht gerade. Es ging rauf und runter. Nichts was sich nicht im ersten oder zweiten Gang nehmen ließ, aber hatte ich so in dieser Ausprägung nicht erwartet (durchschnittlicher Puls während der 130 Minuten: 136bpm)

In Buchwedel fuhr ich ein längeres Stück durch Nadelwälder und atmete die harzreiche Luft ein, als wäre ich in der Aquitaine. Eigentlich war ich schon längst im roten Bereich und griff zu jenem Dopingmittel, dass ich mir eigentlich für die Rückfahrt aufbewahrt hatte: Brausehaltige Kaubonbons.

In Brackel, außen rum statt durch das Dorf gefahren und dafür auf einem Feld gleich vier Störche gesehen.

Je näher man der Heide kam, desto besser wurden die Radwege an den Straßen. Doch dann hinter Hanstedt der strategische Fehler: statt auf der Kreisstraße zu bleiben, hatte ich einen Abzweig über einen „idyllischen“ Weg durch einen Wald und entlang einer Aue geplant. Vier fucking Kilometer Schotterpiste bergauf und bergab und an Reitern vorbei.

In Ollsen wieder zurück auf die Kreisstraße und das so typische Bild in der Heide: entweder du kriechst im ersten Gang den Hügel rauf oder du rollst geschmeidig im achten Gang das Gefälle runter.

In Sahrendorf angekommen, waren meine Eier tot, meine Füße abgestorben und meine anderthalb Liter Wasservorräte aufgebraucht.

Das Gasthaus, Studtmanns Gasthof, lag in einem Funkloch. Das war… eine interessante Erfahrung, Internet & Co nur nach langwierigen Einloggen ins Hotel-WLAN zu haben und sonst keine Telefonate oder WhatsApp zu bekommen. Der Gasthof ist sehr einfach eingerichtet gewesen, aber das Preisleistungsverhältnis, inklusive Frühstück, stimmte.

Sahrendorf liegt direkt am Rand der Heide. Vom Gasthof aus, kann man nach Westen Richtung Undeloh abbiegen und befindet sich drei Schritte später veritabel in der Heide. Entsprechend viel „Pferdeverkehr“ gab es. Als Stadtmensch war ich durchaus angetan, morgens vom Pferdegewieher und -geklapper aufzuwachen. Die Natur ist toll, aber ohne Auto ist Sahrendorf für einen längeren Urlaub etwas diffizil. Hanstedt, 6km und zwei Anhöhen entfernt, ist die nächste Stadt mit einem größeren Einkaufsangebot. Die Fahrt willste bei 30º C nicht zweimal am Tag machen müssen.


Strecke Sahrendorf – Kunststätte Bossard
Strecke Sahrendorf – Kunststätte Bossard, 15 Km

Am nächsten Morgen ging es mit dem Rad vom Gasthof zur Kunststätte – in der „Westvariante“ wieder den Hügel gen Ollsen rauf, dann links in den Wald gen Heide rein. Die Strecke hatte mich dann kalt erwischt: mit Beginn des Waldes hinter Ollsen, stieß ich unvorbereitet auf eine lange steile Steigung und am ersten Tag konnte ich nicht mehr und musste die letzten 300 Meter absteigen. Am zweiten Tag war ich vorbereitet und konnte mich dann, besser eingeteilt, auch rauf quälen.

Die Strecke bestand überwiegend aus Wald- und Heidegebieten – die Heide fing gerade zu blühen an. Was die Strecke unangenehm machte: Dreiviertel der Strecke bestanden aus Schotterpiste. Zwar waren davon ca. 4–5km Abfahrten, aber selbst die Abfahrten waren anstrengend, da du immer den Lenker halten, Stöße abfedern und das Gleichgewicht wahren musst.


Strecke: Kunststätte Bossard – Hamburg-Harburg
Strecke: Kunststätte Bossard – Hamburg-Harburg, 25 Km

Am Sonntagnachmittag dann meine große Challenge. Nach dem ich am Freitag, abgesehen von einer Unterbrechung mit S-Bahn-Fahrt, erstmals 50 Km quasi am Stück gefahren bin, sollte es nun von der Kunststätte, südlich von Jesteburg, direkt nach Hause gehen – über Harburg, Berliner Tor und Sierichstraße.

Die Strecke war diesmal etwas näher am Vorschlag von Naviki dran und ich scheute mich aufgrund der Audio-Navigation auch nicht vor, den Zick-Zack-Kurs insbesondere in der Annäherung nach Harburg zu nehmen.

Während die Hinfahrt eine sehr „grüne“ Fahrt entlang von Bächen, Seen, durch Wälder und an Feldern entlang war, fühlte sich die Rückfahrt eher wie eine Fahrt durch den Hamburger Speckgürtel an. Jesteburg, Klecken, Waldesruh, da ist schon die eine oder an Unze in Immobilien versenkt worden.

Auf der anderen Seite fährste in Harburg zum ersten Mal durch Wilstorf und glaubst du würdest durch Altona oder Veddel fahren.

Ab Harburg ging es auf bekanntes Terrain. Wat freu‘ ich mich, wenn sie endlich die Veloroute an der Kornweide entlang der alten Wilhelmsburger Reichsstraße durchschleifen. Dann hast du 5,5 Km feinste Fahrradautobahn am Stück.

25 Kilometer bis Harburg. 28 Kilometer zwischen Harburg und Langenhorn. Macht 53 Kilometer am Stück (in 184 Minuten) und ein neuer persönlicher Bestwert. Der Preis: wunde Eier, taube Füße und erst einmal dreißig Minuten abduschen.

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