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Comic: “Long Rain”

Cover des Comics

Dies ist ein nur 23 Seiten langer Comic, entstanden nach einer Kurzgeschichte von Ray Bradbury von 1950 „The Long Rain“.

Der Tipp auf den Comic ist über eine Empfehlung von Kieron Gillen reingekommen. Artyom Topilin (T: @artyomtopilin, I: artyomtopilin) ist ein Zeichner u.a. aus dem Superhelden-Umfeld, den ich bislang nicht kannte. Da der Comic auch auf russisch erschienen ist, liegt es nahe, dass Topilin mindestens russischer Abstammung ist.

Das passt auch ganz gut zur Kurzgeschichte von Ray Bradbury, über eine Gruppe von Raumfahrern, die auf einem Planeten gestrandet sind, auf dem es seit tausenden von Jahren ununterbrochen regnet. Die Raumfahrer sind auf der Suche nach einer Basis, wo sie Unterschlupf finden können.

Die Kurzgeschichte hat jene Tonalität, die man auch von etlichen osteuropäischen SF-Filmen kennt: sehr introvertiert, melancholisch, düster und die Grenzen zwischen Realität und Irrsinn sind fließend.

Topilin liefert auf den nur 23 Seiten eine eigenständige Interpretation der Bradbury‘schen Geschichte, die vollends überzeugt – sowohl in der Ästhetik, als auch in der Erfindung des Settings. Der Kurz-Comic kann über Gumroad als eBook (PDF) gekauft werden.

4 von 5 Sternen.

P.S.: Gumroad wird mir als Plattform für Comics immer sympathischer. Nicht dass sie technologisch besonders herausragend wäre. Aber sie erfüllt ihren Zweck u.a. Comic-Zeichner*innen eine Bezahlplattform für verschiedene Formate zu geben: Kurzgeschichten, Skizzen, eigenständiger Vertrieb längerer Comic-Geschichten. Es senkt die Hemmschwelle von „Link im Newsletter“ bis zum Kauf des Comics. Das ist gut. Auch gut: Gumroad gibt die Möglichkeit, über den Mindestpreis hinaus, noch mehr on the top zu bezahlen.

Comics: „Geisha” und „Love Fights“ von Andi Watson

Ich habe keine Ahnung wer Andi Watson ist (Wikipedia). Kieron Gillen hat vor einigen Wochen in seinem Newsletter hingewiesen, das Watson einen Teil seines Back-Catalogues als eBooks auf Gumroad selber vertreibt und Gillen ist geschmackssicher genug, dass man als Neugieriger mal einen Blick darauf werfen sollte.

Geisha (1998)

Cover Kapitel 1 von Geisha

„Geisha“ nimmt als Zutaten einige bekannte SF-Motive um daraus, sowohl inhaltlich, als auch zeichnerisch, etwas eigenes zu schaffen. Geisha ist eine junge Androidin, die von ihrem „Vater“ wie ein normales Mädchen groß gezogen wurde und daher, wie ein normales Mädchen, sehr menschlich wirkt. Geisha will Künstlerin werden. Aber als Androidin wird ihre Kunst nicht für voll genommen. Die Einkommenssituation ist eher karg. Daher arbeitet sie in der Securityfirma ihres Vaters als Bodyguard und soll ein weltbekanntes Mannequin beschützen.

Beispielseite aus Geisha

Die Zeichnungen sind eine Fusion von Asien und Europa. Aus der Manga-Welt erkennt man das dynamische Seitenlayout wieder, so wie einige Tricks, wie eine hohe Zeichengeschwindigkeit erreicht wird: Fokussierung auf Dialoge und Menschen bzw. Gesichter. Hintergründe werden nur sparsam eingestreut. Der Sprung zu einem europäischen Strich geschieht dank der Manga-Zeichensprache, die versucht, sich auf das Essentielle zu konzentrieren, aber von Watson mit Hilfe des Pinsels? Feder? Leben und Individualität eingehaucht bekommt.

Was sich hier schon andeutet, ist eine der Stärken von Andi Watson: trotz der zeichnerischen Reduktion, die Gesichter der Protagonisten sprechen zu lassen.

Dass mich Geisha trotzdem nicht geflasht hat, lag am Setting und der damit verbundenen Erwartungshaltung. So effizient Watsons Strich ist, seine Stories sind eher „geschwätzig“ statt straight und strukturiert. Das SF-Setting wirkt, nicht nur zeichnerisch, wie überflüssiges Beiwerk. Der Konflikt von Geisha als Android, also Kunstmenschen und Geisha als Malerin, also Kunst-Mensch, verliert sich in der allgemeinen Geschwätzigkeit des Comics. Dem Comic wäre nicht sehr viel abgegangen, wenn man ihn in der heutigen Zeit hätte spielen lassen. Diese Beliebigkeit zeigt das Manko des Comics auf.

Geisha von Andi Watson, bei Andicomics/Gumroad als eBook erhältlich (149 Seiten, 1,50 Pfund)

3 von 5 Sternen.


Love Fights (Volume One & Two, 2003)

Cover von „Love Fights (Volume One)“

Und was bei Geisha nicht geklappt hat, hat bei „Love Fights“ auf 328 Seiten wunderbar geklappt. Die Geschwätzigkeit und Unstrukturiertheit ist geblieben. Wir ham‘ auch wieder Science-Fiction. Aber statt der Frage nach Kunst von Kunstmenschen, gibt es eine Romantic Comedy als Screwball-Komödie im Superhelden-Millieu. Hier passt die Tonalität zum Genre.

Es spielt in einer Welt, in der Superhelden zum Alltag gehören, inklusive ihrer medialen Vermarktung in TV, Film und Gossip-Magazinen. Superhelden-Comics sind in dieser Welt Dokumentationen wahrer Begebenheiten.

Jack ist Comic-Zeichner von „The Flamer“, einem zunehmend unhippen Superhelden. Bei einer Zufallsbegegnung verknallt er sich in Nora, Assistentin bei einem Gossip-Blatt. Nora wittert ihre Chance zum beruflichen Aufstieg, als sie an einem Scoop dran ist: der Flamer hat bei einem Seitensprung ein Kind mit Superheldenkräften gezeugt.

Damit ist ein roter Faden vorgeben, der quer durch den Comic Auslöser für eine Zahl von Intrigen und irrwitzigen Zwischenfällen und Beziehungskrisen sorgt, als wäre es eine Hollywood-Komödie von Billy Wilder – mit der gleichen Sogkraft habe ich den Comic verschlungen.

Beispielseite aus Love Fights

Ähnlich wie sich das Storyhandling gegenüber Geisha weiter entwickelt hat, wirken die Zeichnungen von Andi Watson in Love Fights noch mehr auf den Punkt gebracht. Der Strich noch reduzierter. Die Meisterschaft mit einem Minimum an Strichen die unterschiedlichsten Charaktere zu zeichnen, ist großartig. Es ist erstaunlich, wie wenig man braucht, um eine Figur mit Wiedererkennungswert auszustatten. Vor allem im zweiten Band hat sich Watson sowas von eingroovt in seine Figuren, dass seine Zeichnungen nur so vor Selbstsicherheit sprühen. Mimik und Gestik sind auf den Punkt.

Einer etwaigen Monotonie entkommt er durch den Einsatz von drei Grundfarben und unterschiedlichen Texturen bei den Strichen und Flächen.

Die beiden eBooks strotzen nur so Spielfreude. Watson hat Spaß am Sujet und seinen Protagonisten gehabt. Das merkt man den Zeichnungen und der Story an. Dabei ist eine Kreuzung entstanden, die einzigartig ist.

Love Fights von Andi Watson, bei Andicomics/Gumroad als eBook. Zwei Bände (je 164 Seiten). Je Band 1,50 Pfund.

5 von 5 Sternen.

Disconnected

Das Grundthema der letzten Wochen setzt sich weiter fort. Da draußen steht alles im Zeichen des Coronavirus‘. Aber in meiner kleinen Butze ist Coronavirus nur etwas was ich rezipiere, was mich aber wenig im Alltag beeinflusst. Okay, kein Frühstück und kein Essen mehr außerhalb. Selektiveres Einkaufen.

Die Arbeit war eh zu 80% Home-Office – und ist nun zu 100% Home-Office. Das gute Wetter hat auch das Thema Garten in den Vordergrund gerückt. Nachmittags habe ich mich für 3–4 Stunden vom Job abgemeldet habe und sie dann nach Sonnenuntergang und Abendessen, hinten drangehängt.

Insofern: den weggefallenen, nicht-existenten Sportkonsum vermisse vermisse ich nicht. Und ich lese, und lese und lese…


Die letzte Woche war im Projekt t5 anstrengend. Ich hatte drei Tickets gleichzeitig, zwischen denen ich immer springen musste. Dazu kamen drei Code-Reviews, die man auch nicht mal eben durch winkt, sondern auch mal zwei Stunden im Editor und im Browser Zeile für Zeile anguckt. Mein größtes Ticket ist gerade in einer Art Beta mit mutmaßlichen Release Ende April.

Auf der einen Seite hatte ich die Woche das Glücksgefühl, durch 1-2 Stunden Nachdenken und Abwägen von Lösungsansätzen, für ein Ticket zu einer sehr elegante Lösung gekommen zu sein, bei der eine clevere Kombination aus CSS und HTML dazu geführt hat, den Verwaltungsaufwand für das Modul in Javascript niedrig zu halten. Auf der anderen Seite bekam ich an anderer Stelle deutlich die Limits meines Verständnisses von Flexbox und Grid-CSS aufgezeigt. Das war so ein Punkt, wo ich mir am liebsten einen Tag frei genommen hätte, um verschiedene Umsetzungen auszuprobieren.

Mit Beginn der kommenden Woche hat der Kunde des Projektes t5 den Umfang der Buchung meiner Wenigkeit noch einmal hoch geschraubt.


Mein Medienkonsum ist derzeit stark durch das Gratis-Angebot von Image Comics geprägt. Dort gibt es die Auftaktausgaben zahlreicher Serien gratis zu lesen – eine ideale Gelegenheit, in neue Serien reinzuschauen, ob da was brauchbares dabei ist.


Bei Gumroad einige Comics von Andi Watson gekauft.


Überbleibsel von Weihnachten auf der Playstation angespielt: „Watch Dogs 2” und „Spider-Man“ und dabei festgestellt, dass nahkampflastige Spiele, die in den ersten Minuten gleich ein Dutzend unterschiedlicher Controller-Aktionen auf dich drauf schmeissen, nichts mehr für mich sind. Mein Gott, ich vermisse den ersten Crackdown-Teil.


Die Terrasse meines Gartens wird derzeit von Vögeln gut besucht – leider überwiegend sehr photoscheue Exemplare. Ich liebe „meine“ beiden Stare-Kinder, die sich wie übergroße Quietscheentchen anhören. Stargast im Sonnenuntergang war eines Tages ein Buntspecht, der auf einem Pfahl an der Terrasse die Situation auslotete. Und schließlich die knudeligen Schwanzmeisen-Geschwister, die ihren Flaum überall im Garten verteilen, aber wie die beiden Stare-Kids, nur zusammen zu sehen sind – wenn man sie überhaupt vor die Linse bekommt.

Fotomontage Schwanzmeisen-Geschwister
Die Schwanzmeisen-Geschwister. Eine*r der beiden flutscht sogar durch das Gitter des Meisenknödelspenders um besser ranzukommen

Dieses Jahr versuche ich im Garten mehr Schwerpunkte zu setzen, statt alles querbeet über den Garten zu verteilen. Rund um den frisch beschnittenen Apfelbaum habe ich Unkraut gejätet. Um den Lavendel herum, weiteren Lavendel ausgesät (statt fertige Töpfe zu kaufen) und dahinter, zum Zaun hin, orangene Ringelblumen gesät. Angeblich bis zu 60cm hoch wachsend.

Bereich rund um den Apfelbaum. Frisch gejätet und gesät
Unten der bestehende Lavendel (dreieinhalb von sechs Töpfen haben überlebt) und zum Zaun hin, Ringelblumen.

Am Wochenende außerdem auch Salbei und Katzenminze um ihre bestehenden Kollegen gesät und spontan einige Samen abgegriffen um zu versuchen, sie auch drinnen aufzuziehen.

Eierkartons mit Aufzucht im Palmentopf auf dem Fensterbrett
Spontane Aktion: einfach mal versuchen, ein paar Samen aufzuziehen.

The cost of a thing is the amount of … life which is required to be exchanged for it, immediately or in the long run.

aus: Henry David Thoreau – „Walden“

Die bipolare Woche

Corona ist der rote Faden durch die letzte Woche gewesen. Die Meldung vom letzten Wochenende, Italien würde alles dicht machen, hat auch bei mir den ersten Schalter umgelegt. Ich habe die Woche genutzt, um mich darauf einzustellen, im worst case 2-3 Woche in Heim-Quarantäne zu gelangen.

Ohne Auto und ca. 15 Fußminuten vom nächsten Supermarkt entfernt, besteht mein „Hamsterkauf“ nicht aus einem vollen Einkaufswagen, sondern über die Woche verteilt, ca. 5–6 Einkäufen in Supermärkten und Drogerien, zu Fuß oder mit Rad. Ich horte nicht, sondern sammle nur Vorräte für 2–3 Wochen an.

Die Zahlen in Deutschland eskalieren leider unverändert und haben sich in den letzten Tagen der italienischen Wachstumskurve angepasst [worldometers.info, FT/$]. Derzeit sieht es so aus, als wäre Italien die Vorschau, was uns in einer Woche in Deutschland erwartet.

Ich werde in den nächsten Wochen auf Frühstück und Mittagessen in Bäckereien bzw Trattoria oder Museums- und Kinobesuchen verzichten. Das Brot mache ich in den kommenden Wochen wieder selber, statt es vom Wochenmarkt oder der Bäckerei zu kaufen, wo es Lieferanten, Angestellte und Passanten in den offenen Auslagen vollgehustet haben könnten. Obst und Gemüse vom Markt ist okay – lässt sich ja abwaschen. Desinfektionsgel zum Händewaschen nach Marktbesuch ist ja in der Jackentasche.

Mein derzeit größter Auftraggeber ist ein internationaler Konzern. Seine unternehmensinterne Kommunikation in Sachen Coronavirus begann recht früh. Abgesehen von Reiseverboten und Selbstquarantäne nach Reisen aus Risikoländern, hat er vor allem Home-Office nahegelegt und dazu in den letzten Wochen die Informationen und Infrastruktur noch einmal verbessert – „Home-Office“ ist seit langer Zeit einer der propagierten Pluspunkte seiner Stellenangeboten.

Als Projektteam hatten wir eh schon überwiegend Home-Office gemacht und nur einmal pro Woche ein Meeting in der Hamburger Zentrale abgehalten. Insofern hat Corona nicht viel an unserer Projektkonstellation geändert – Ende der Woche kam die Ansage, dass wir das Meeting vorübergehend durch eine Telefon-/Videokonferenz ersetzen werden. Ich gehe übrigens mit den derzeit immer wieder gehörten Aussagen nicht d‘accord, dass Video- und Telefonkonferenzen ein vollumfänglicher Ersatz für Treffen mit persönlicher Anwesenheit sind. Dazu sind die Dynamiken in Tel- und VidKos anders als bei persönlichen Treffen.

Unterm Strich ist meine berufliche Situation durch Coronavirus weniger betroffen, als die meines restlichen Alltags. Und selbst was meinen Alltag angeht, bin ich recht happy, dass ich mit meinem Umzug etwas weiter draußen wohne, statt in Eimsbüttel. Ich kann hier locker eine halbe Stunde spazieren gehen, ohne dass ich eine Menschenseele treffe. Ich kann mich, brauchbares Wetter vorausgesetzt – und das Wetter sieht immer brauchbarer aus –, mit dem Garten beschäftigen. Das Übelste ist die Absage meines geplanten Urlaub im Mai. Und in Selbstisolation bin ich seit mehr als einem halben Jahrhundert sowieso sehr geübt.

Was war. Februar 2020

Es fällt mir schwer den Monat zusammenzufassen. Es gibt so viele Handlungsstränge und teilweise können sie nur erzählt werden, wenn man Vorgeschichten kennt.

Es war ein schwieriger Monat. Meine Depressionen trafen auf einen grauen und sehr regnerischen Monat. Meine Veranlagung in erster Linie nur Negatives wahrzunehmen, führte zu einem immer schwereren Rucksack von Dingen, die ich machen wollte, aber in Menge und/oder Qualität nicht geschafft habe. Dinge, die mich erfreut haben, waren rar und Petitessen.

Ich habe seit Mitte Dezember Tagebuch geführt. Ein täglicher Abschnitt „Gratitude“ bietet Platz für Dinge, die mich gefreut haben oder für die ich dankbar bin. Im gesamten Februar gab es nur zwei Eintragungen in diesem Abschnitt – okay, dies ist etwas düsterer als es in Wirklichkeit war. Es gab 2–3 weitere Dinge, die da reingehört hätten, aber grundsätzlich spiegelt es meinen emotionalen Pegelstand im Februar wieder. Der „große schwarze Hund“ war so präsent, wie er es seit meinem Umzug vor knapp anderthalb Jahren nicht mehr war.

Things I did.

Die oben erwähnte Tagebuch-Geschichte ist nur eine der Punkte, wo ich derzeit bei mir dran schraube. So versuche ich unter der Woche einmal „Auszugehen“: Museumsbesuch, Kino, Spaziergang und irgendwo Abendessen.




Im Museum für Kunst und Gewerbe gibt es eine Ausstellung „Beauty“ von Stefan Sagmeister und Jessica Walsh. Über die Qualität des Sagmeister/Walsh‘schen Diskurses kann man streiten. Aber es ist schon ein Wert für sich, zwei Stunden durch eine Ausstellung zu einem Thema zu gehen.

Was mich aber am meisten in der Ausstellung getriggert hat, war eine Installation, mit der man sich eine VR-Brille aufsetzen und im Raum „malen“ konnte. Ich setzte die Brille auf und fing an zu „malen“ und es war sofort einer jener Wow-Effekte, bei denen das Hirn ausschaltet, weil alles was an Sinneseindrücken rein kommt, terra incognita ist. Sensorisches Neuland. Nach der dreiminütigen Session musste ich mich erst einmal sammeln.

Am selben Abend schmiß ich zuhause meine Playstation VR an und kaufte im Online-Shop beide PSVR-„Zeichenprogramme“: CoolPaintr und SculptrVR.

Meine Synapsen hatten damit einige Abende lang viel Spaß, an diesem „Malen“ im dreidimensionalen Raum und wie man als (ehemaliger) Illustrator damit umgeht, dass man plötzlich eine Raumdimension mehr als auf dem Papier hat. Aber je besser ich mit der Materie klar kam, desto stärker wurden auch die Defizite, zumindest der beiden Programme auf der PlaystationVR, deutlich. Und ab einen bestimmten Punkte, sind die Limits zu groß, um sich zumindest auf der PSVR-Plattform sinnvoll weiter mit dem Thema zu beschäftigen. Unten stehend, wenn der Browser mitmacht, ist das Resultat des dritten oder vierten Abends (das exportierte STL-Format enthält keine Farbinformationen).

STL-Viewer: „Madeleine.js“ von Junho Jin

Trotz aller Limits – diese Abende in denen ich im Raum „gezeichnet“ habe, möchte ich nicht missen.


Eine Woche später ging es in die Kunsthalle für zwei Ausstellungen.

Impressionismus aus der Sammlung Ordrupgaard und Goya, Fragonard, Tiepolo – Die Freiheit der Malerei.

Ich gehe durch solche Ausstellungen und schreite in Ehrfurcht von Bild zu Bild. Über das was die Maler/Zeichner sehen und ausdrücken können und was ich nicht sehe und nicht ausdrücken kann. Und genau hier steckt mein persönliches Problem: diese Ausstellungen lassen mich klein fühlen. An solchen Tagen pendle ich zwischen den Gefühlen Großartiges gesehen zu haben und der Unzufriedenheit über die eigenen Fähigkeiten. Der große schwarze Hund ist nie weit weg.


Im Garten habe ich, so weit ich rankommen konnte, endlich allen Bambus samt Wurzeln entfernt und in den entstandenen Lücken Liguster-Stecklinge eingepflanzt.

Im Februar sind Schneeglöckchen und Krokus rausgekommen, aber vielfach im Dauerregen abgesoffen. Durch die ungewohnt hohen Temperaturen, sind sie rausgeschossen, wurden zu schnell zu groß und konnten dann dem schweren Regen nicht standhalten.

Ansonsten ist das derzeitige Dilemma, dass alle Signale eigentlich auf Vor-Frühling stehen, inkl. den blühenden Forsythien und man Schneiden und Säen will, aber die Wettervorhersagen noch weiter Frosttage vorhersagen…


Ich habe den Ablauf meiner Woche umgestellt. Ich versuche mir den Dienstag- oder Donnerstagnachmittag frei zu nehmen (s.o.). Der Samstag hat sich inzwischen als Garten-, (Sport-)TV- und Lese-Tag etabliert.

Vor einigen Wochen sprach ich mit einer Freundin und da fiel auch der Satz, sinngemäß: man sollte weniger konsumieren und mehr kreieren. Daher versuche ich den Sonntag derzeit umzuschalten – weg vom Sport-TV, hin zum „Dinge-Machen“-Tag. Vorzugsweise am Computer, 1-2 private Projekte anschieben. Nach etwas mehr als ein Jahr nach dem Ende von allesaussersport reduziert sich mein Sport-Konsum weiter.

Things I watched.

„Burning“, südkoreanischer Film von 2018 von Lee Chang-dong. Der Film etabliert prototypische Strukturen eines Thrillers, wirkt für mich aber eher wie ein Film über die Twen-Generation in Südkorea. Was am Ende bleibt, ist nicht das, was der Film sagt oder zeigt, sondern das, was knapp 140 der 148 Minuten lang, unter der Oberfläche zu spüren ist. Verstörend. Beunruhigend. Vier von fünf Sternen.

Filmplakat

Things I worked on.

Beim Kundenprojekt „t5“ wurden im Februar weitere Features integriert oder ausgebaut und sind weitere Länder-Versionen gelauncht worden. Ich hatte einige Refactoring-Themen und in diesem Zuge auch mit dem im Projekt eingeführten Test-Framework Cypress angefangen.

Was Cypress da macht und mit welcher Intention, fängt man erst nach ein paar Tagen an zu verstehen, wenn man ein Gespür für die Funktionen entwickelt hat und die Dokumentation mit einem zweiten und dritten Blick abklopfen kann.

Es ist nicht unheikel, weil Cypress so tut, als wäre es ein großes Ganzes, ist aber in Wirklichkeit eine Mischung aus etlichen Ideen. Erst mit Erkennen dieser Ideen und ihrer Quellen, jQuery, Mocha, Chai, Puppeteer, kommt auch ein Verständnis für die zu etablierenden Strukturen und Tests.

Ein Beispiel für den problematischen Kontextwechsel den Cypress versteckt, sind die Testbedingungen. Bei den Commands wie z.B. get(), sind sie nur implizit (Elemente sind binnen 4 Sekunden im DOM – oder nicht). Bei should() werden Mocha/Chai-Assertions zwar explizit gesetzt, aber nur als sogenannte „Chainers“ innerhalb eines Strings. Wenn aber Callbacks eingesetzt werden, werden Mocha/Chai-Assertions in originaler Mocha/Chai-Schreibweise z.B. via expect gesetzt.

Das fühlt sich nicht gut an, weil dies das Missverständnis fördert, dass Cypress ein reines „wir schaun‘mal nach, was im DOM drin ist“-Tool ist, dass z.B. die Backendler dazu verleitet, Browser-End-2-End-Tests zu machen, statt zu testen, was die von ihnen programmierte API auf Requests zurückschmeißt.


Das wars vom Abgrund. Lebe geht weiter.

War war. KW#02, #03, 04

Der Kampf mit dem Bloggen geht weiter. Ich nehme mir zu viel zum Schreiben vor. Dann kommt irgendwas am Wochenende dazwischen. Und am Montag auch. Und schon wird das Bloggen um eine Woche verschoben. Damit nehme ich mir noch mehr zum Schreiben vor, usw. usf.

Things I worked on.

Beim Kundenprojekt „t5“ wurde und wird im Januar ohne Projektmanager gearbeitet – der sich mit Jahresurlaub etliche Längengrade weit weg aufhält. Für das Team ist „Selbstorganisation“ angesagt. Letzte Woche gingen zwei weitere Länderversionen der Website online.

Das Projekt hat nach etwas mehr als sechs Monaten den Zustand erreicht, wo die Entwicklung neuer Features sich im Wettstreit mit dem Thema „technische Schulden“ um wertvolle Entwickler-Ressourcen befindet. Ich selber, pendle derzeit zwischen Refactoring-Themen und Umsetzung weiterer UI-Elemente.

Eine Code-Review warf die Frage auf, was eigentlich Code-Frischlinge heutzutage auf den Höheren Bildungsinstitutionen mitgegeben wird. Konkret ging es um die Frage, wieviele abstrakte Prozesse rund um Projektarbeit, wie zB „Best Practices“, „Clean Code“, Aufbereitung von Code für ein größeres Projekt statt einem kleinen Hobby-Wochenende-Quickie, in solchen Schulen unterrichtet werden. Oder sind das Themen, die ausschließlich in der täglichen Praxis gemäß „learning by doing“ selbst aufgenommen werden müssen und die daher für alte Säcke wie mich ungleich höhere Priorität haben.

Selbst bei der Solo-Arbeit: je älter ich werde, desto weniger vertraue ich meinem Gedächtnis und desto mehr sichere ich mich über Kommentare, Namensgebung von Variablen/Methoden, Commit-Messages und Dokumentation ab.

Things I did.

Mehr Bewegung. Es geht mir auf den Sack, dass meine Klamotten wieder anfangen zu spannen. Ich achte wieder verstärkt auf die Aktivitätsringe (Schrittzahl etc…), Portionsgröße beim Essen und habe zuhause die Soft-Drinks reduziert.

Mehr Garten 1. Ich bin dem Bambus an der Stirnseite des Hauses an den Kragen gegangen. An etlichen Nachmittagen habe ich alles herunter geschnitten und auf ca. 25% der Fläche den Boden umgegraben und die Bambuswurzeln entfernt. Zirka 2–4 Wochen habe ich noch Zeit, bevor die Vegetationszeit wieder einsetzt und bis dahin zumindest rudimentär die Liguster-Steckhölzer an den kahlen Stellen eingepflanzt sein sollten.

Die Baustelle an der Stirnseite
Bambus-Triebe gegen das Haus gelehnt
Die größten Bambustriebe habe ich mir bis zum Schluss aufgespart: knapp anderthalb Stockwerke hoch.

Mehr Garten 2. Die Hasel blüht. Die Schneeglöckchen lassen sich nur noch wenige Tage bis zum Blühen Zeit – alles dank milden Winter zwei Wochen früher als usus. Das weckt Ambitionen, Lesehunger und Lust auf Planung. Das Problem für mich Garten-Anfänger, ist die „Asynchronität“. In den kommenden Wochen siehst du, was du im Herbst gepflanzt hast. Du bekommst also Feedback wie gut du die Zwiebeln verteilt hast, erst vier bis fünf Monate nach dem Vergraben und bekommst danach erst wieder sieben Monate später, die nächste Chance zum Pflanzen.

Hasel-Blütenkatze
Schneeglöckchen

Die Gartenzeitschriften (und Oh Boy, was kaufe ich für Gartenzeitschriften…) machen in ihren aktuellen Ausgaben mit Frühlingsblumen auf – fucking Frühlingsblumen, die ich im letzten Herbst oder Sommer hätte kaufen und pflanzen müssen, um sie wie in den Zeitschriften blühen zu sehen.

Als Laie wäre es hilfreicher, wenn die Zeitschriften im Februar mit ihren Spätsommer-Ausgaben erscheinen würden, ganz nach „und wenn Sie wollen, dass ihr Garten im September so aussieht, dann müssen Sie jetzt xyz pflanzen“.

Folgerichtig, habe ich mir einen eigenen Jahreskalender geschrieben, um im Auge zu behalten, wann welche Pflanzen besorgt und gepflanzt werden müssen (Große Windröschen & Gefingerte Lerchensporn, here I come…).

Mehr Garten 3. Ich habe den kleinen alten Apfelbaum geschnitten – diesmal hoffentlich intelligenter (a.k.a. nach „Schulbuch“) und vielleicht kriege ich ihn doch noch mal zum Blühen vitalisiert.

Taubnesseln
Taubnesseln sind auch früh dran

Reading List

  • Every Noise at Once – statistische Auswertung von Spotify-Daten, u.a. mit allen 3.865 auf Spotify vertretenen Musikrichtungen und den Tracks von 2019, gefiltert nach Land und/oder Musikrichtung
  • Project Art Cred – Kieron Gillen spendiert ein kleines Script und verschiedene Zeichner setzen dies in einer Comic-Seite um.
  • Testimony before the House Antitrust Subcommittee – Der CTO des Projekmanagement-Tools „Basecamp“ gab eine Erklärung vor der kartellrechtlichen Untersuchungskommission des US-Abgeordnetenhauses ab. Dabei geht es um die Monopolstellung von Google, Apple und Facebook.
    [The App Store] has allowed Apple to keep fees on payment processing for application makers like us exorbitantly high. Whereas a competitive market like that for credit-card processing is only able to sustain around a 2% fee for merchants, Apple, along with Google, has been able to charge an outrageous 30% for years on end.
    Bonus: wer sich über die Probleme von Entwicklern für Apple-Anwendungen auf dem Laufenden halten will, dem empfehle ich MJ Tsais Blog, der viele Probleme aggregiert

Things I read.

Ich komm‘ zu nix. Die ungelesenen Links stauen sich und ich habe dieses Jahr bislang mehr Bücher gekauft als gelesen.

Things I watched.

Grosso modo: Sport, Impeachment-Verfahren und Gaming-Streams.

Bonus 1: „Star Trek: Picard“. Folge 1 war nicht weltbewegend, aber die Zeit verging wie im Flug. Und bitte, bitte, bitte: Patrick Stewart nie wieder französisch sprechen lassen.

Bonus 2: „Maschek“ ist im neuen Jahr wieder in Höchstform.

Reading List 2020.01.17

  • WebDev: Promiscuous Cookies and Their Impending Death via the SameSite Policy Troy Hunt, 3.1.2020.

    Der Blogeintrag verdeutlicht vor allem die Komplexität des Themas „Drittpartei-Cookies“, die mit den anstehenden Umstellungen in Chrome eskalieren werden.

    Ich gebe zu, dass ich nicht viel mehr verstanden habe, als ab Februar das Gehör für etwaige Kundenprobleme mit Tracking und anderen Cookies-Nutzungsformen zu sensibilisieren. Der Text von Hunt legt nahe, dass man selber mal einen Tag zum Austesten der unterschiedlichen Szenarien auf einer eigenen Website nutzen sollte.

  • WebDev: Effective Mental Models for Code and Systems, Cindy Sridharan, 30.12.2018

    Sridharan geht einen anderer Weg für eine Art „Clean Code“. Ihr geht es um die Bekämpfung des Erzfeindes von fehlerfreien Code: die Komplexität des Codes.

    Halte deinen Code lesbar und erleichtere dadurch anderen Codern den Einstieg ins Projekt, damit diese ihr mentales Modell der Problemlösung, auf jenen, bereits vorhandenen Code anwenden können.

    Lesbarer Code ist einfach zu Debuggen. Einfach zu debuggender Code ist einfach zu Testen. Einfach zu testender Code ist einfach zu Erweitern. Einfach zu erweiternder Code ist einfach zu unterhalten.

    Sridharan bricht mit dem Uncle Bob‘schen Dogma des Clean Codes, wo es das Paradigma des „sich selbst dokumentierenden Code“ geht, weil es mentale Modelle (das „Warum“) nicht abbildet. Da bin ich bei ihr. Den Weg über Kommentare halte ich aber für unbrauchbar, weil Kommentare schnell veralten, wenn sich der Code verändert.

    Passender finde ich die Vorgehensweise, die ich im Oktober entdeckte: extensives Beschreiben in den Commit-Messages, was wiederum im Coding-Werkzeug der Wahl, über die Annotations einsehbar ist und aufgrund des Commits auch fest in einer Timeline und mit einer konkreten Umsetzung verankert ist.

  • Science/UI: Navy-Schiff-Kollision durch schlechte UI, Twitter-Thread von ProPublica, 28.12.2019

    Anhand zahlreicher Grafiken zeichnet ProPublica nach, wie es 2017 zu einer Schiffskollision kam, bei der zehn Seemänner ums Leben kamen: eine schlechte, missverständliche Benutzeroberfläche der Steuerung, führte dazu, dass keiner mehr wusste, welche der Stationen nun eigentlich Kontrolle über das Ruder hatte.

  • Science: Finding new physics will require a new particle collider, Economist ($?), 2.1.2020

    Artikel über die Ratlosigkeit der Wissenschaftler, in welche Richtung die Elementarteilchen-Forschung gehen soll. Man hoffte nach dem Higgs boson mit dem Genfer Teilchenbeschleuniger LHC weitere fehlende Puzzleteile zu finden. Stattdessen herrscht seit 2012 Stagnation. Damit sind die fehlende Erklärungen für Gravität, Dark Matter, Dark Energy und den geringen Anteil an Anti-Materie inzwischen zu Problemen der etablierten Elementarteilchen-Modelle geworden.

    Man weiß noch nicht einmal, ob das Higgs boson selber ein Elementarteilchen ist oder sich weiter zerlegen kann oder ob das Higgs boson wirklich das vorausberechnete Higgs boson ist oder nur einfach etwas anderes, was nur zufällig die gleiche Masse hat.

    Das ist auch ein finanzielles Problem, weil langsam milliardenschwere Planungen für die nächste Generation der Teilchenbeschleuniger starten muss, aber „die Wissenschaft“ sich nicht auf den nächsten Typen einigen kann.

  • Science: A Burning Nation, Led By Cowards, Angus Hervey, 10.1.2020

    Ein wütendes Pamphlet des australischen Wissenschaft-Journalisten Harvey („Future Crunch“) über die Brände in Australien und der konservativen Regierung um Scott Morrison. Es macht den Disconnect der Klimakatastrophen-Leugner deutlich.

  • Städtebau: Woven City, Toyota’s Prototype City of the Future, Kottke, 9.1.2020

    Toyota hat auf der CES die Vision einer Stadt der Zukunft vorgestellt. Diese Form der Idealisierung lässt mich immer glauben, dass die Planer nicht ernsthaft über „Stadt“ nachdenken, sondern nur ein riesiges Sim City spielen.

    Keiner hat es eilig. Es gibt keine Dienstleister, nur irgendwelche Roboter. Der enorme Flächenbedarf für die drei unterschiedlichen Verkehrsmodi: kein Problem. Lufttaxis und Kurier-Drohnen fliegen mit zirka zehn Km/h durch die Lüfte. Keine Papierkörbe, keine kackenden Hunde. ÖPNV findet in Form von autonomen Autos und Bussen statt – was nicht viel mit den realen Problemen einer Metropole zu tun hat. Stadtentwicklung wird zu einem rein technologischen Problemen und soziologische Probleme klein gehalten – weswegen die Entwicklung auf der grünen Wiese bevorzugt wird, statt sich an real existierenden Städten zu versuchen.

    Es wirkt wie eine Ansammlung von Bullshit-Bingo, wie schon Googles Waterfront-Projekt in Toronto.

  • Kultur: Asimov‘s Empire, Asimov‘s Wall, Alec Nevala-Lee, 7.1.2020

    Und wenn du glaubst, du hättest im Rahmen von #MeToo schon alle Verhaltensstörungen überwiegend männlicher Provenienz, kennengelernt, kommt ein Artikel über Isaac Asimov, der dich in den Browsern brechen lässt. Jener Asimov, der (so meine Erinnerung) komplett keimfreie Bücher schrieb, legte über Jahrzehnten gegenüber Frauen ein Verhalten an den Tag, bei dem man(n) sich fragt, warum er mit so eine Nummer in den 50ern durchgekommen ist und warum erst jetzt darüber geschrieben wird.

  • Business: „10/01/20: Finleap Connect, Finanz Informatik, XPay, FI-TS, Maple Bank“, Finanz-Szene.de, 10.1.2020

    Anlässlich eines kleinen Reigen von IT-Pannen der „Finanz Informatik“ (FI-TS), dem IT-Dienstleister der den Sparkassen nahe steht, schreibt Finanz-Szene: „[Die FI-TS-Kunden sind…] eben doch nicht so eng verbandelt, als dass man sich im Zweifel nicht auch mal nach einem anderen (zumal preiswerteren?) Dienstleister umsehen könnte. Die Wut auf die FI-TS jedenfalls ist groß dieser Tage. Und die Kunden geben sich – was ein Alarmsignal ist – keinerlei Mühe, diese Wut zu verbergen.

    Ohne die Expertise des Branchendienstes anzweifeln zu wollen, aber in meinen Ohren hört sich das nach einem Unterschätzen der Aufwände für eine Migration des Bankensystems an. Z.B. im Falle der Hamburger Sparkasse, die 2019 von einer Eigenentwicklung auf die FI-TS gewechselt ist. Was war dass da noch gleich? Drei Jahre Planung mit zwei Jahren Umsetzung für die Migration, Kosten in dreistelliger Millionenhöhe?

    Wie es halt so bei alten Software-Systemen ist: du schleppst Daten etlicher Jahrzehnte mit dir mit und im Laufe der Zeit geht dir mit jedem verrenteten Mitarbeiter, das Know How flöten.

    Know-How-Management ist eines der grundsätzlichen Probleme unserer Gesellschaft. Keiner dokumentiert gerne. Keiner dokumentiert vollständig. Keiner liest gerne Dokumentation. Keiner geht weitere Wege, wenn er nicht auf Anhieb in der Dokumentation fündig wird.

Weiter gegen den Bambus.

Comic: „Peter Cannon: Thunderbolt”

Alternativ-Cover des ersten Peter Cannon: Thunderbolt-Heftes
Alternativ-Cover von Peter Cannon: Thunderbolt #1

Peter Cannon: Thunderbolt“ (PC-T) ist eine fünf Hefte umfassende Storyline von Gillen und Wijngaard (Hardcover-TPB erscheint Januar 2020).

Drei Anmerkungen zum Einstieg:

  • Die Storyline funktioniert nur als Ganzes. Es macht keinen Sinn, die Hefte einzeln zu betrachten.
  • Zum Genuss der vollen Dimension (no pun indended) der Storyline sollte man „The Watchmen“ von Alan Moore/Dave Gibbons kennen
  • Man beraubt sich der Hälfte des Spaßes, wenn man nicht die korrekte Anordnung der Doppelseiten hat. In der Comixology-Variante sind die falschen Seitenpaare als Doppelseite zusammengebündelt und man muss sich auf dem iPad mit dem Finger behelfen, um jeweils die richtigen Seitenpaare auf dem Screen zu haben.

Peter Cannon gehörte zum Superhelden-Kanon des Verlages Charlton Comics. Moore/Gibbons wollten 1986 ursprünglich Charlton-Superhelden für DCs „Watchmen“ verwenden. Doch DC, zwischenzeitlich im Besitz der Charlton-Lizenzen, wollte die Figuren nicht dafür freigeben. Moore/Gibbons mussten sich neue Figuren ausdenken und nahm u.a. Peter Cannon als Vorlage für Ozymandias.

Der Ausgangspunkt von PC-T ist eine Übernahme des „Watchmen“-Plots: eine vorgetäuschte Invasion von Außerirdischen. Diese übermächtige Schein-Bedrohung soll die zerstrittene Welt einen und damit für Wohlstand und Frieden sorgen. Cannon erkennt anhand des Studiums von alten Schriftrollen, dass der Drahtzieher niemand anderes als er selbst ist: ein Peter Cannon („Thunderbolt“) in einer Parallelwelt. Cannon geht mit Superhelden-Kollegen auf die Reise durch die Dimensionen.

Ohne „The Watchmen“ zu kennen, bekommt man eine Story, die clever mit Comic-Stereotypen und gestalterischen Formalitäten spielt. Weil Story, Layout, Zeichnung, Kolorierung und Lettering so clever ineinander spielen, bekommt man bereits auf dieser ersten Ebene, ein gutes Paket zusammengeschnürt. Inhaltlich dürften er/sie/es aber ähnlich ratlos davor stehen, wie vor den ersten Bänden von Grant Morrisons „Doom Patrol“.

Beim Versuch sich PC-T anzunähern, passiert schnell das, was im Englischen als „going down the rabbit hole“ bezeichnet wird – man steigt immer tiefer ein, entdeckt immer Neues und sucht nach immer mehr Anspielungen und Metaphern.

Gillen spielt mit dem Medium. Das ist zuvorderst bei den Zeichnungen zu erkennen. Die Grenze zwischen Medium und Leser*in, die Fourth Wall, wird aufgehoben.

Die folgende Doppelseite zeigt wie fünf Superhelden und Cannon am Boden liegen, innerhalb von aufgemalten Bodenmarkierungen, bevor sie die Reise durch die Parallelwelten antreten. Die sechs Superhelden angeordnet wie auf sechs Panels, die wiederum Bestandteil eines Panels werden, welches Thunderbolt um die Ohren fliegt.

Doppelseite von PC-T mit zwei 9-Panel-Raster
Wie PC-T auf einer Doppelseite mit dem 9-Panel-Raster spielt

Die Superkraft mit der Cannon sich und seine Kompagnons durch die unterschiedlichen Parallelwelten bringt, ist der „Formalismus“ (yep, I shit you not). Bei dem Einsatz von „Formalismus“, durchbricht Gillen/Cannon den Comic-Formalismus des strengen Layout-Rasters und wechselt die Zeichenstile.

Eine Doppelseite mit der Reise durch Parallelwelten
Eine Doppelseite mit der Reise durch Parallelwelten. Mit sechs Zellen eines 9-Panel-Rasters durch ein 9-Panel-Raster fliegen

Das strenge Layout-Raster in eines der Erkennungsmerkmale von „The Watchmen“, welches fast komplett in einem 9-Panel-Seitenraster gezeichnet ist.

Eine Doppelseite mit der Reise durch Parallelwelten
Klassisches 9-Panel-Raster von Watchmen

Wo in Watchmen Ozymandias vor einer Monitorwand sitzt, wird in PC-T die Monitorwand selber zum 9-Panel-Raster und es ist Thunderbolt, der dieses Raster durchbricht.

Panel mit Ozymandias vor einer Monitorwand
Ozymandias vor einer Monitorwand
Seite mit Thunderbolt vor einer Monitorwand
Thunderbolt, außerhalb des 9-Panel-Rasters, vor seiner Monitorwand

Man kann es als grundsätzliche Prämisse von PC-T bezeichnen, dem Medium Comic anhand von „ Watchmen“ den Spiegel vor zuhalten – „Watchmen“, im gleichen Jahr wie Frank Millers „The Dark Knight Returns“ erschienen und markiert mit Dark Knight einen Meilenstein in der US-Comic- und Superhelden-Landschaft.

Gillens PC-T zollt Watchmen nicht nur seinen Tribut. Das ganze Spiel mit der Superkraft „Formalismus“ ist auch eine Aufforderung, sich durch Watchmen die nächsten Fesseln auferlegen zu lassen. Und so wechseln sich in der Storyline Anspielungen auf Watchmen mit der bewussten Antithese ab.

Letzte Bildzeile von Watchmen
Letzte Bildzeile in „Watchmen“: „I leave it entirely in your hands…“ sagt der Redakteur zum Verschwörungstheoretiker, der in die Leserpost greift, wo u.a. die explosiven Tagebuchaufzeichnungen von „Rorschach“ liegen
Vorletzte Seite von PC-T
Vorletzte Seite von „Peter Cannon: Thunderbolt“: „I leave it entirely in your hands…“ sagt Cannon nach dem Kuss.

Thunderbolt ist in PC-T zwar eine Variante von Peter Cannon in seiner eigenen Dimension und seine Kleidung erinnert stark an Watchmens Ozymandias. Aber Thunderbolts Palast mit seiner Uhrmechanik-Ästhetik und das Symbol auf seiner Stirn, erinnern eher an Watchmens blauen Dr. Manhattan.

Panel mit Thunderbolt in seinem Palast
Thunderbolt und sein Palast
Panels mit Dr. Manhattans Atom-Symbol auf der Stirn
Dr. Manhattan brennt sich sein „Atom“-Symbol auf die Stirn
Panel mit Dr. Manhattan auf dem Mars
Dr. Manhattans Uhrwerks-Palast auf seinem Mars-Exil

Gillen und Wijngaard übernehmen nicht nur Bildelemente, sondern gleich ganze Bildzitate. Der Rausschmiss von Peter Cannon durch Peter Cannon/Thunderbolt ist eine komprimierte Version der legendären Bildsequenz zu Beginn der Watchmen, als der Watchmen Edward Blake/The Comedian aus seinem Penthouse geschmissen wird und zu Tode stürzt.

Seite in der Peter Cannon von Thunderbolt in die Tiefe geschmissen wird
Der Sturz von Peter Cannon in einer 5-Panel-Sequenz.
”Excess brutality“ von Rorschach
”Excess brutality“ von Rorschach
”Excess brutality“ von Rorschach
”Excess brutality“ von Rorschach
Die drei Panels, verteilt auf einer Seite, mit dem Todessturz von Edward Blake

Etliche Seiten später ist auch das Pendant, die Rückkehr von Peter Cannon, ein Bildzitat. Diesmal sogar mit identischer Panelaufteilung und ähnlichen oder gleichen Panel-Inhalten, wie das Pendant von Watchmen, wo Rorschach in das Appartement von Edward Blake einsteigt, um zu seinem Tod zu ermitteln.

Seite mit der Rückkehr von Peter Cannon in den Palast von Thunderbold
Peter Cannons Rückkehr und die Balance einerseits die Vorlage zu zitieren, andererseits den eigenen Zeichen- und Kolorierungsstil beizubehalten
Rorschach steigt durch das Fenster in das Penthouse von Edwards Blake ein
Gleiche Panelaufteilung 33 Jahre vorher, in Watchmen.

Etwas abstrakter wird die Formsprache von Watchmen Rorschach aufgegriffen – so benannt nach der Maske die er trägt und an den Rorschach-Test erinnert. Gillen/Wijngaard greifen die Formsprache von Rorschach-Muster auf ihrer Art auf…

Panel mit Watchmen Rorschach
Die Muster auf Rorschachs Maske sind stets in Bewegung, bleiben aber symetrisch.
Panel mit den Resten von „The Test“: Blutspritzer angeordnet in einem Rorschach-Muster
Ein Superheld weniger.

Teilweise werden auch nur kleine Handlungsmuster genommen, um an Watchmen zu erinnern, wie z.B. Rorschachs sadistischen Verhörmethoden…

”Excess brutality“ von Rorschach
Rorschach und seine Verhörmethoden zu Beginn von Watchmen
„Excess brutality“ von Thunderbolt
Thunderbolt: „Excess brutality – I invented it“ und schon geht der erste von zehn Fingern dahin.

So kopflastig PC-T konstruiert ist, so kann man sich schon an dem Offensichtlichen ergötzen: das ausgefeilte Layout, die Zeichnungen, die Kolorierung und das Lettering. Die Perfektion und die Sensibilität erschließt sich auch ohne das Wissen um die Meta-Ebene. Aber mit der Meta-Ebene, wird man ein zweites und ein drittes Mal zu PC-T zurückkehren, möglicherweise auch im Doppelpass mit „Watchmen“, um all die Seitenpfade zu entdecken und zu verstehen.
Es ist wieder ein Computerspiel, dass man nach dem ersten Durchspielen, weitere Male spielt, um alle Nebenquests aufzulösen.

4 von 5 Sternen.

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