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Republic of Newsletters: Nothing Here

Ich bin seit Jahren Konsument von Newsletter – allerdings umfasst dieser Konsum erst seit 1–2 Jahren Newsletter außerhalb meiner Branche Webentwicklung. Newsletter aus dem Bereich Technik, Gesellschaft, Comics und Science Fiction bieten einen Ort der Inspiration, der früher durch Blogs und deren technischer Helfer, dem Feed-Reader, abgebildet wurde.


Nothing here – but this newsletter ist ein wöchentlicher Newsletter, der von vier bis fünf Menschen mit einem leichten australischen Einschlag produziert wird: dem Science Fiction-Autor Corey J. White, Marlee Jane Ward, Austin Armatys und m1k3y plus Special Guest.

Der Newsletter ist eine Mischung aus Links und Empfehlungen aus Technik, Wissenschaft, Gesellschaft und Science Fiction plus angeschlossener Popkultur. Jede Woche ist eine Überraschungstüte, in die man sich festlesen kann.

U.a. in der aktuellen Ausgabe:

Einer meiner inneren Dämönen mit denen ich seit 22 Jahre kämpfe, ist mein Abschied vom Zeichnen. Ich habe es einst studiert. Ich habe bei einem internationalen Wettbewerb einen zweiten Preis gemacht. Ich hatte zumindest den Zeh in der damals blühenden Hamburger Comic-Landschaft drin gehabt.

Aber es juckt mich immer mehr, wieder in das Zeichnen einzusteigen. Und dann sehe ich (per Link aus dem obigen Newsletter) jemand wie Hannah Blumenreich und ihre Spider Man-Panels. Ich bin hin- und hergerissen zwischen Ehrfurcht und „das will ich auch wieder machen“. Ein wunderschöner lockerer Strich, der aber so effizient ist, dass er alles notwendige beschreibt und dabei auch noch den Formen eine Dynamik und Individualität gibt. Kleine, unaufgeregte Alltagsgeschichten, die aber trotzdem „connecten“.

Von solchen Inspirationen zehre ich Tage lang und bin der Newsletter-Szene dankbar.

Buch „Resist: Tales from a Future Worth Fighting Against“

Science Fiction-Kurzgeschichtensammlung von Gary Whitta, Christie Yant und Hugh Howey.

Resist“ ist eine Sammlung von fast 30 Science Fiction-Kurzgeschichten von ebenso vielen Autoren mit dem Schwerpunkt dystopischer Zukunft. Die Einnahmen aus dem Verkauf gehen an einen gemeinnützigen, linksliberalen Verein in den USA, der ACLU.

Dystopische Zukunft“ ist das einzige, was diese Geschichten eint, die von völlig unterschiedlicher Qualität und „Schreibe“ sind. Es gibt im Gegensatz zu einer Kurzgeschichtensammlung eines einzigen Autors, keinen impliziten roten Faden, die eine zusätzliche Bedeutungsebene einzieht. Das Lesen durch so eine Sammlung gleicht dem Prinzip Fire and Forget. Auf einer Geschichte folgt die nächste, die mit der vorigen so ziemlich nichts zu tun hat – die Autoren/Autorinnen dieser Sammlung sind sehr heterogen zusammengestellt.

Es gibt Themenschwerpunkte, aber die Reihenfolge der Stories im Buch wirkt zufällig und streut Geschichten um Diktaturen, AI, Social Media/Social Networks, und Gender, wild durcheinander.

Nur oder immerhin knapp ein halbes Dutzend von Stories ist über die Halbwertszeit der 300 Seiten hinaus, haften geblieben. Zahlreiche Geschichten treten in die Kurzgeschichtenfalle: auf neun Seiten Exposition folgt eine Seite Schlusspointe.

Genau dies war das Problem mit dem ersten monotonen Drittel der Sammlung. Die festzementierten Erzählstrukturen wurden das erste Mal vom Comic-Szenaristen Kieron Gillen durchbrochen. In „The Arc Bends“ gibt es keine Schlusspointe, sondern eine Startpointe, mit der Gillen dann in irrwitziger Geschwindigkeit durch die Zeit rauscht.

Einige Geschichten ragen heraus, weil sie den Leser in einen Perspektivwechsel hinein bringen. Charlie Jane Anders schildert in „Horatius and Clodia“ den Versuch eine AI über Emotionen zu hacken – aus Perspektive der AI. „Catcall“ von Delilah S. Dawson lässt in der Ich-Perspektive eines aufwachsenden Mädchens den Alltags-Sexismus und die Veränderung der Person spüren.

Eine andere Form des Perspektivwechsels geschieht durch Sprache. Jason Arnopp in „The Nothing Men“ entwirft eine Zukunft die nur noch aus Social Media, Influencern, YouTubern und virtuellen Wellten besteht – aus der Perspektive eines aufstrebenden Influencers, in einer kalten, aggressive, menschenverachtenden Sprache, die aber aus der gleichen DNA besteht, die sich bereits heute in viel besuchten Foren und Kommentarsträngen auf YouTube oder Facebook lesen lässt.

Die gute, klassische Kurzgeschichte entwickelt in der Exposition ein Szenario, um dann elegant aus der Hintertür zu verschwinden und den Leser mit der impliziten Aufforderung des Weiterspinnens, alleine zu lassen – so wie der SF-Bestsellerautor John Scalzi in „The Tale of the Wicked“: kann AI eine Religion entwickeln? Wann wird das Streben nach gemeinsamen Zielen einer Gruppe, zur Religion? Zwei Geschichten später zeigt Laura Hudson in „The Well“ auf, wie Religion als Werkzeug für Diktaturen eingesetzt werden können – und Diktaturen auch als Werkzeug von Religion dienen können.

Wie man zu dieser Anthologie als Ganzes steht, ist eine Frage, inwieweit man willens ist, sich durch 27 Kurzgeschichten zu lesen, um eine Handvoll von Nuggets herauszufischen. Gerade in der Retrospektive, wenn die Erinnerungen an das harzige erste Buchdrittel verflogen ist, überwiegen die Gedanken an diese Nuggets. Aber das funktioniert auch nur mit Hilfe von Notizen und einem späteren Rückblick, um diese Nuggets herauszufischen.

Vier von fünf Sternen.

Fortune, Phil Wahba: „A Fork in the Road for Avis

US-Autoverleiher Avis sieht seine Zukunft in einem Verleih ohne Tresen. Vision 2020: kein Tresen, keine Autoschlüssel, sondern Smartphone-App. Perspektivisch kommt das Fahrzeug kommt per autonomes Fahren automatisch an die gewünschte Stelle. Avis hat entsprechende Partnerschaften abgeschlossen: mit Waymo, Google, Amazon und Lyft.

Avis & Co müssen sich bewegen, da langfristig alle in dem gleichen Bereich tätig sein werden: Uber, Lyft, Avis, Hertz, Mercedes, Volkswagen, Tesla. Vorteil für Avis und andere Autoverleiher: sie haben schon quer über das Land verteilt, Infrastruktur mit Parkplätzen und Werkstätten. Sie haben bereits Know-How im Bereich „Fleet Management“

Dazu Sensoren im Auto, zu Überwachung der Funktionsfähigkeit und Geolocation.

Justin O‘Beirne: Apple‘s New Map

O‘Beirne analysiert die letzten Veränderungen von Apple Maps. Er impliziert, dass die detaillierteren Ausarbeitungen der Karten vor allem auf Satellitenfotos und händischer Arbeiten eines indischen Unternehmens basieren. Bei dem Tempo, das aber an den Tag gelegt wird, scheint es noch Jahre zu dauern, bis die Verbesserungen auch in Europa ankommen werden.

Wichtiger: O‘Beirne konstatiert auch systematische Schwächen der Arbeit von Apple – die auch darin begründet sind, dass Apple aus Gründen des Datenschutzes weniger Userdaten sammelt, als Google. Es ist nicht zu erkennen, wie Apple diese Defizite später bei Anwendungen aus dem AR- oder Autonomes Fahren-Bereichen, kompensieren will.

Financial Times, Leslie Hook & John Reed: „Why the world’s recycling system stopped working“ (Paywall)

Das Recycling-System steht weltweit kurz vor dem Kollaps, seit China und Hong Kong, Abnehmer von 60% des Plastikmülls der G7-Staaten, zum Jahreswechsel einen Importstopp verhängt haben. Die Preise sind abgestürzt, etliche Betriebe die Recyclingmüll einsammeln, schreiben rote Zahlen ein. Südostasiatische Länder importieren zwar mehr Plastikmüll, aber die Verarbeitung dort, ist für Mensch und Umwelt grenzwertig.

Resümee des Artikels: die Idee des Recyclings ist in einer Sackgasse. Das Motto muss nun heißen „Zero Waste“, z.B. durch Einkaufen in Supermärkten ohne Verpackung.

Stratchery, Ben Thompson: „IBM’s Old Playbook“

Eine Analyse der Übernahme von Red Hat durch IBM. IBM hat sich damit grosso modo Cloud- und Container-Know How (Kubernetes) eingekauft. Wie so viele, rechnet auch Thompson nicht damit, dass die Übernahme gewinnbringend werden wird. Dazu wird der aktuellen IBM-Führung rund um CEO Ginni Rometty zu wenig zugetraut. Rometty sei bislang zu sehr dem von Vorgänger Palmisano eingeschlagenen Pfad gefolgt.

Vielleicht wird diese Übernahme aber weitere Übernahmen anderer Container-Unternehmen wie Hashi Corp/Vagrant, Docker et all triggern.

Kim Boekbinder, Musikvideo: „Fractal“

Es ist ein sympathisches, viel Wärme ausstrahlendes Musikvideo zum Thema Gender und Genderfluid. Ich habe am Thema zu knabbern, weil es für mich sehr weit weg ist. Die Ratio findet es, gemäß „jeder wie er will“, ganz okay. Dem andern Teil des Kopp ist es zu anstrengend, in dieser schnelllebigen Zeit auch noch dieses Faß aufzumachen.

So wie ich das Thema Mensch vs Roboter/AI für spannend halte (beginnend mit Bladerunner/Phillip K. Dick bis hin zur ersten Westworld-Staffel), warte ich eigentlich auf ein entsprechend großes Buch/TV-Serie zu dem Gender-Thema. Mit Fortschreiten der Technologie und Medizin gäbe das ein Prima-Science Fiction-Thema ab und so ein bisschen schaue ich auf Cyberpunk 2077, ein für 2019 oder 2020 erwartetes Computer-Rollenspiel, ob da irgend etwas in der Richtung passiert.

Max Cooper, Musikvideo „Platonic“

Ein Trip für die Augen.

Lemonade Inc. ist ein 2015 gegründetes Versicherungsunternehmen in den USA. Das Unternehmen wird in der „InsurTech“-Branche schwer gehypte. Neben den üblichen Boohay aus App-only Vertrieb und Einsatz von AI zur Erstellung eines Versicherungsangebotes und Überprüfung von Schadensfällen, hat das Unternehmen eine Besonderheit: sein Businessmodell.

In seiner Positionierung konstruiert es einen systemimmanenten Konflikt zwischen Versicherungsunternehmen und Kunden: Versicherungsunternehmen machen nur dann Profit, wenn sie Schadensfälle des Kunden ablehnen. Und der Kunde hat wiederum ein Interesse Schadensfälle zu fälschen, weil der Profit ihm zugute kommt.

Dies will Lemonade bei sich ausgehebelt wissen. Lemonade nimmt nur einen festen Prozentsatz des Versicherungsbeitrages des Kunden (20%). Ein anderer fester Prozentsatz fließt in einen Auszahlungspool aus dem Schadensfälle bezahlt werden. Alles was in diesem Pool zum Jahresende übrig bleibt, fließt an eine vorher vom Kunden ausgesuchte, wohltätige Organisation.

Mit diesem Kniff aus der Verhaltensforschung will Lemonade gegen die oben erwähnten Konflikte anarbeiten:

  1. Der Versicherer hat kein Interesse, gemeldete Schadensfälle abzulehnen, da sein Profit nicht aus diesem Geldpool kommt
  2. Der Versicherte hat kein Interesse, eine wohltätige Organisation zu schädigen und unberechtigte Schadensfälle zu melden.

Ich halte den Menschen per se für zu schlecht, um daran zu glauben, dass dieses Konstrukt nicht irgendwie doch ausgehebelt wird oder Lemonade nicht doch irgendwo Dreck am Stecken hat oder das Geschäftsmodell nicht solide ist. Wie stabil ist Lemonade, wenn nach Hurrikans sehr hohe Schadensansprüche geltend gemacht werden? Wie stabil ist Lemonade, wenn die Tarife bei den Rückversicherern anziehen?

Der Kniff des Einsatzes von Behavioral Science zur Gestaltung eines Geschäftsmodells, den finde ich aber interessant.

Büro-Kündigung.

Ich habe heute mein Büro in der Innenstadt gekündigt. Das Haus in Langenhorn hat ein Arbeitszimmer und im Sommer wurde die Miete für das Büro in der Innenstadt um fast 15% erhöht und hievte die Büromiete über die 500,– Euro-Schwelle.

Mit der Realisierung, dass da monatlich eine Miete im Gegenwert eines Kurzurlaubs anfällt, brach ein Teil der Daseinsberechtigung für das Büro weg. Der Todesstoß kam dann im Selbstversuch: Montag im Büro, Dienstag bis Freitag zuhause im Arbeitszimmer. Und mit einem Mal wirkte das Büro steril. Ein Blick in den Hinterhof. Das monotone Summen einer Lüftungsanlage. Dazu die zunehmende Abneigung gegen Etliches in der Innenstadt.

Nach 20 Jahren versuche ich es wieder mit Arbeit von zuhause aus. Nach der Robert-Koch-Straße in Eppendorf, dem Lehmweg in Hoheluft-Ost, der Lippmannstraße in der Schanze, der Lindenallee an der Christuskirche, der Steinstraße in der Altstadt und nun der Großen Bleichen im Passagenviertel.

Die eigentliche Kunst wird es sein, im Laufe einer Arbeitswoche auch aus der Butze rauszukommen.

Nieman Labs: "Newsonomics: The Washington Post’s ambitions for Arc have grown — to a Bezosian scale"

Link: http://www.niemanlab.org/2018/09/newsonomics-the-washington-posts-ambitions-for-arc-have-grown-to-a-bezosian-scale/

Amazons/Washington Posts Arc soll im Publishing-Bereich das werden, was Amazons AWS im Cloud-Bereich geworden ist. Die Benchmark an die der Sektor nicht vorbei kommt. Arc ist eine Plattform, die CMS, Vermarktung und Pay-Wall bündelt und dem Publisher viele Einstellungsmöglichkeiten gibt und effizienteres Arbeiten ermöglichen soll — zum Zwecke der Umsatzsteigerung des Medienunternehmens.

© 2019 Kai Pahl

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